Der Rest von Hamburg – Winterhude

In so einer großen Stadt wie Hamburg ist es durchaus normal, daß man sein Viertel, seinen Stadtteil kennt, vielleicht noch den angrenzenden oder den wo man dies kauft oder den besucht, aber dann ist oft Schluß. So fragte Herr Buddenbohm letztlich seine Leser ob man nicht über seinen Stadtteil berichten möge.

Zu Hause ist das erste was mir zu Winterhude einfällt. Hier begann meine Zeit in Hamburg (eigentlich Barmbek Süd, aber die damalige Adresse grenzt unmittelbar an Winterhude an, so daß man eigentlich genauso oft dort war), hier wollte ich nach dem Exil wieder hin.

Mein Winterhude spielt sich rund um den Mühlenkamp ab, erst südlich, nun nördlich, aber immer mit dieser charmanten Einkaufsstraße in der Mitte. Der Mühlenkamp und die angrenzenden Straßen weisen immer noch Einzelhändler jenseits der großen Ketten auf. Einen alteingesessenen Schuster, einen italienische Gemüse- und Feinkostläden, einen wunderschöner Blumenladen, eine eigenständige Boutique  und einen liebevoll geführter Buchladen findet man zum Beispiel hier. Klar, es gibt auch Budni, Edeka, Penny, Tchibo und Douglas, aber die füge sich hier eher ein, als den Einzelhandel zu verdrängen (Auch wenn mein Wollladen inzwischen weg gezogen ist, da die Vermieter lieber etwas hipperes in den Geschäftsräumen wollten). Dazwischen Cafes und Kneipen und das ein oder andere Restaurant, darunter die ausgezeichnete Küchenwerkstatt die schon fast an der Grenze zu Uhlenhorst zu finden ist. In den letzten Jahren kommen immer mehr Läden mit Kinderbekleidung, neu und Second Hand sowie Schnickeldi und Accessoires für die Kleinen hinzu.

Kinder sieht man hier viel. Wenn man um den Mühlenkamp herum spazieren geht, fragt man sich immer wo die Vergreisung der Gesellschaft statt findet, hier jedenfalls nicht. Die Kinderwagendichte ist hoch.

Man kann hier aber auch gut mit Kindern wohnen, es gibt diverse Betreuungseinrichtungen (die Frage ob man einen Platz bekommt steht auf einem anderen Blatt), Schulen, Kinderbespaßungsvereine/angebote, Kinderärzte, Bioläden und was man so als urbane Eltern ohne Garten und Großfamilie so braucht.

Es liegen hier zwei Spielplätze die mir sofort in den Sinn kommen, der „Schinkel“ ein in einem umbauten Platz integrierter Spielplatz, der vorallem im Sommer wegen seines Wasserbeckens beliebt ist. Am Goldbekplatz befinden sich zwei Spielplätze einer für die Kleinen, einer für die Großen. Letzterer wurde vor einiger Zeit umgestaltet und ist noch netter geworden und hat im Interesse der Mehrfacheltern nun auch Spielmöglichkeiten für die Kleinstkinder. Beide sind umzäunt, was es unglaublich erleichtert seine mehr oder wenig großen Kinder dort frei laufen zu lassen ohne Angst haben zu müssen, daß sie sich plötzlich auf der Straße unter Autoreifen wieder finden. Angrenzend an den Spielplatz hat es  ein Cafe in einem ehemaligen Toilettenhaus in dem man sich außer montags mit Getränken und Snacks versorgen kann und zu dem immer noch eine Toilette gehört, was durchaus seine Vorzüge hat.

Dreimal die Woche findet am Goldbekufer hinter dem Spielplatz der Wochenmarkt statt. Dort findet man von ökologisch angebauten Lebensmitteln, über handgeklöppelte Nudeln, Waren vieler regionalen Marktbeschickern, leckeren französischen Croissants,  bis hin zu Tupperware und Mützen, Käsegedöns und dem üblichen Krams, zwei recht gute Schlachter, einen Stand mit super leckerem Schafskäse und Antipasti-Leckereien und zwei bis drei Fischhöker. Während Dienstag und Donnerstag das Treiben dort eher beschaulich und gemütlich ist, die Anzahl der Stände geringer, wird am Samstag groß aufgefahren und das große Schaulaufen angesagt. Da kommen sie bei schönen Wetter alle in den feinen Fäden und monströser Sonnenbrille und flanieren gemütlich durch das große Angebot (sprich behindern mich und den Kinderwagen beim zügigen Einkauf ) um dann an dem einen oder anderen Kaffeestand gepflegt zu plaudern, diese oder jene Köstlichkeit im Täschchen. Irgendwann verschwinden sie dann wieder in ihre teuren Altbauwohnungen oder einem der schicken Cafes.

Altbau hat es hier in Winterhude noch ordentlich. Bezahlen kann ihn bald niemand mehr, zumindest so weit es sich nicht um Bestandsmieter handelt. Neben den Altbauten gibt es natürlich auch noch andere, Nachkriegsbauten, Bauten aus der Zeit zwischen den Kriegen, Neubauten und Baustellen Bunker und natürlich die Jarrestadt (dazu später mehr).

Wir hatten Glück, Wir scheinen eine der letzten noch bezahlbaren Wohnungen ergattert zu haben. Altbau ist es auch, aber Rotklinker und so schauen wir raus auf die schicken Altbauten gegenüber mit den großen schön eingerichteten Eigentumswohnungen, die man entweder vor Jahrzehnten erstanden/gemietet oder geerbt haben muß. Ist es ausgleichende Gerechtigkeit, daß Parkplätze rar sind?

Dafür haben wir die Ubahn dicht bei und wenn die Baustellen endlich fertig sind auch wieder zwei Buslinien um die Ecke. Verkehrstechnisch ist Winterhude ganz gut angebunden, es gibt Verbindungen zur U3 und zur U1, mehrere Buslinien und im Sommer kann man mit der Fähre zum Jungfernstieg fahren.

Apropos Wasser, Wasser haben wir auch. Winterhude wird im Westen von der Außenalster und im Süden vom Osterbekkanal begrenzt. Dazwischen liegen so einige Kanäle auf denen im Sommer reger (Paddel-/Ruder-/Tret-)Bootsverkehr herrscht. Flankiert von den Schwänen, die dann im Winter eingesammelt und ins Quartier gebracht werden um dann im Frühjahr wieder rausgesetzt zu werden.

Laut Wikipedia habe ich bisher eigentlich nur Winterhude Süd beschrieben, dabei wohnen wir eher in Winterhude Nord, dem Teil der sich der nördlichen Verlängerung des Mühlenkamps anschließt und bis rund um den Winterhuder Marktplatz reicht.

Der Winterhuder Marktplatz ist in meinen Augen eine Bausünde, nichts paßt so richtig zusammen und er wirkt unruhig, man weiß nicht wo man mit den Augen ankern soll. Aber zu ihm gehört auch eine kleine Einkaufspassage in der man neben Aldi, Roßmann und noch einem ganz netten Buchladen die Bücherhalle findet. Dies ist bei einem so lesehungrigen Kind wie meiner Großen nicht unwichtig. Die rundum den Platz und Richtung U Hudtwalkerstraße gelegenen Einkaufsmöglichkeiten  und Cafes sind durchaus reizvoll, so daß man sich nicht abschrecken lassen sondern ruhig einmal rumschlendern sollte. Auf dem Marktplatz selbst findet wöchentlich dreimal der Wochenmarkt statt, einmal in der Ökoversion.

Die hinter dem Marktplatz liegenden Straßen zwischen Alsterdorfer- und Ohlsdorferstraße sind wiederum geprägt von Altbauten, kleineren Läden und Lokalitäten.

Fährt man vom Winterhuder Markt in südlicher Richtung auf der Barmbeker Straße zurück Richtung Mühlenkamp vorbei am altehrwürden Hockeyclub, mehr oder weniger schöner Bebauung  und biegt fast am Ende in die Jarrestraße bekommt man eine weitere Facette des Stadtteils zu sehen. Läßt man den hässlichen Staples außer acht fällt der Blick rechterhand auf den Kampnagel. Einem ehemaligen Fabrikgelände welches inzwischen eine Kulturfabrik ist, vorrangig für Theater- und Musikveranstaltungen. Und dann ist man schon mittendrin in der Jarrestadt die sich von hier bis zur Saarlandstraße zieht. Ein am Reißbrett geplantes Wohnungsbauprojekt aus den Zwanziger Jahren, gebaut aus dem typischen Hamburger Rotklinker mit einer ganz eigenen liebenswerten Ausstrahlung. Es lohnt sich durchaus dort mal in Ruhe rumzustromern und das alte Viertel zu erkunden. Wären die Wohnungen nicht so klein, ich würd sofort dahin ziehen.

Was gibt es noch,die City Nord, ein riesiger künstlicher Bürokomplex, der aus Gebäuden besteht, die einem Architekturwettbewerb entsprungen sind. Nichts scheint so richtig zusammen zu passen und der den Gebäuden anhaftende Charme der späten Sechziger, frühen Siebziger Jahre gibt dem ganzen etwas von einer Geisterstadt in einem futuristischem Thriller.

Natürlich gehört auch der Stadtpark in seinen nördlichen Ausläufern zu Winterhude. Zum Stadtpark muß man nicht viel sagen, Naherholungsgebiet, Freilichtbühne, Hundewiese, Grillplatz, Fußballfeld, Naturbad, Spielplatz, Schwulentreff, Joggerstrecke, Plantarium, Rosengarten, für jeden etwas. Das mit dem Schwulentreff erwähne ich nur, weil ich mich lange fragte wieso auf vielen meiner Wege so oft eingepackte Kondome rumlagen, bis ich mal aufgeklärt wurde.

Man sagt Winterhude gerne ein schnöseliges Publikum nach, Sehen und Gesehen werden, zu schick, zu clean, keine Szene, kein Flair. Mag sein, gibt es hier sicherlicher, aber es gibt auch anderes. Alteingesessene, Neuzugezogene, alle mögliche Nationalitäten, Nachbarn die sich helfen, den Schnack mit seinem Höker um die Ecke, lachende Kinder ohne Markenklamotten die sich auf dem Spielplatz einsauen. Döner in der Jarrestraße, Portugiesische Natas in der Alsterdorfer Straße, gediegenes Frühstück im Drei Tageszeiten, Woolrich-Jacken-Ansammlung vorm TH2 an winterlichen Sonnentagen, Muttis in Funktionsjacken mit Tupperboxen auf den Spielplatzbänken. Alles ist möglich und ich wohne gerne hier. Mag daran liegen, daß ich zwei meiner Kinder in diesem Umfeld ausgetragen und geboren habe. Vielleicht auch daran, daß ich Landei mich hier relativ sicher fühle und das Umfeld für die Aufzucht der Brut angenehm finde. Was auch immer es ist, hier wohne ich, hier bin ich zu Haus.

About these ads

14 Antworten zu “Der Rest von Hamburg – Winterhude

  1. Wir haben drei Jahre in e Jarrestadt gewohnt – zum Glück hatten wir dort eine Wohnung bekommen, die aus zweien zusammengelegt worden war. Aber selbst dann sind die Zimmer in den denkmalgeschützen Rotklinkerbauten im Bauhausstil leider winzig. Trotzdem war es
    nicht leicht, da wegzuziehen! Die Bewohner der Jarrestadt verbindet das Gefühl, mitten in der Großstadt wie in einem Dörfchen zu leben.

  2. Ja, man kann hier sehr gut leben, stimmt. Das Publikum ist schön gemischt, und längst nicht so nervtötend wie in Eppendorf, Pöseldorf oder auf der Uhlenhorst. Ich wohne inzwischen auch ganz gerne hier, nur die Muttis mit ihren Kinderwagen auf dem superengen Markt sind sonnabends eine echte Qual für jemanden, den nur mal fix was einkaufen will und einfach nicht vorbei gelassen wird. ;-)

    • Haha, Punkt geht an Dich. Ja auch ich bin auch mal genervt von planlos manövrierten Kinderwagen die den ganzen Platz einnehmen. und einen einfach nicht vorbei lassen :)

  3. Sehr schön und treffend beschrieben! Mein Winterhude an der Grenze zu Barmbek-Süd (Barmbeker Höhe Gertigstraße) liegt allerdings im U-Bahn-Niemandsland, daher verbinde ich Winterhude leider auch ein bisschen mit 6er- und 25er-Bussen, die gerade wieder herumstehen und nicht weiterkommen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau…

  4. Pingback: Der Rest von Hamburg (13) – Update mit Winterhude, Barmbek-Süd, Nienstedten und außerhamburgischen Lebensformen | Herzdamengeschichten

  5. Einen kleinen Fehler enthält Dein Text. Die Küchenwerkstatt liegt nicht fast an der Grenze, sonder deutlich auf der Uhlenhorster Seite des Osterbekkanals.
    Du hast das Treiben auf dem Hofweg treffend beschrieben. Ich bin immer froh, wenn ich den Kanal überquert habe und wieder auf der Uhlenhorst bin. Nix los, keine Kinder(wagen)… und viel weniger nervig und schnöselig.
    Hier parken z.B. die Leute ihren Bentley einfach in der Tiefgarage, statt mit Ihrem Range Rover in zweiter Reihe den Verkehr aufzuhalten.

  6. Ein schöner Bericht- ich bekomme fast Heimweh, ich habe so viele Jahre in Winterhude gearbeitet.
    Grüßle aus dem Schwarzwald…

  7. Oh ja, das ist auch mein Winterhude! Wie sagte mein Freund – nach längerer erfolgloser 4-Zimmerwohnungssuche (bezahlbar und um den Goldbek-Kanal/Mühlenkamp herum und im übrigen immer noch aktuell): Du bist so flexibel wie Stahl, wenn es um einen anderen Stadtteil geht… da kann ich nicht widersprechen;)

  8. Nett geschrieben! Und lieber einen schnöseligen Kinderwagen in den Hacken als ein Messer im Rücken! ;-)

  9. Ein sehr schöner Artikel über einen sehr schönen Stadtteil.
    Danke
    Kai

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s