Wer zahlt das denn? – Berkeley Teil 3

Wenn man den Traum hat, an einer guten und anerkannten Uni in den USA einen Abschluss zu machen, sind da zunächst die Hürden, des sich selbst zu überwinden, die Unterlagen zusammen zu bekommen, die Englischfähigkeiten nachzuweisen und dann auch noch alles rechtzeitig abzugeben. Wenn man dann auch noch angenommen wird, was ja nicht ganz so einfach ist, bleibt das klitzekleine Problem: wie bezahlt man das eigentlich? Es ist allgemein bekannt, dass man in den USA Studiengebühren bezahlt. Auch, dass diese nicht gerade gering sind: je besser die Uni, desto mehr läßt sie es sich bezahlen, dass die einen ausbildet.

Ich habe die Frage, wie ich das Ganze denn finanzieren werde, wenn ich entgegen meiner Annahme angenommen werde, immer auf den Zeitpunkt vertagt, an dem es soweit ist, dass ich angenommen werde. Ich hatte im Kopf, dass es diverse Studiendarlehen und Stipendien gibt und man ansonsten bei der Hausbank lieb Männchen machen könne, um die finanziellen Mittel zu erhalten. Als dann also die Zusage kam, fing ich an zu rotieren.

Ich durchforstete die Websites der Uni, um mich zu informieren, welche Stipendien für mein Programm (LL.M) und insbesondere für internationale Studenten in Frage kämen. Ich schrieb die üblichen Verdächtigen wie DAAD, Studienstiftung des Deutschen Volkes, Fullbright, Oppenhoff Stiftung und Rollendes Stipendium an. Ich kontaktierte diverse US Programme für Frauen, ich schrieb an die Studienfinanzierer Deutsche Bildung und Brain Capital an. Ich durchforstete die Seite der KFW und der Sparkasse Herford. Führte einige Telefonate und wand mich an US Studienkreditgeber.

Meine Eltern sind weder in der Lage, noch gewillt meine Pläne zu unterstützen, große Ersparnisse für so ein Projekt stehen mir nicht zur Verfügung und meinem Arbeitgeber ist es quasi „egal“, ob ich das mache. Insofern bin ich auf Unterstützung von außen angewiesen.

Uns geht es finanziell nicht schlecht, aber für so ein Großprojekt, welches auch noch relativ spontan geplant wurde, sind wir als Familie mit vier Kindern nicht ideal aufgestellt gewesen. Mir ist bewußt, dass es bei anderen Menschen um die Möglichkeit geht, durch finanzielle Unterstützung überhaupt studieren zu können und ich meine universitären Abschlüsse schon habe. Ich habe also durchaus Verständnis, wenn diese Menschen aus offensichtlichen Gründen vorgezogen werden.

Die Gründe jedoch, die ich zu hören bekam, waren ein wenig absurd. Bei den Stipendien waren etwa die Bewerbungs-Deadlines einfach vorbei. Wer nicht regulär zum Herbst anfängt zu studieren, der hat eben Pech gehabt – ein Studium ausserhalb des gängigen Zeitrahmens ist nicht vorstellbar. Gleiches gilt für ein Studium, das online, oder wie in meinem Fall, teilweise online ausgeführt wird. Das ist einfach nicht vorgesehen, „das gab es früher nicht, also fördern wir das nicht“.

Bei den Kreditgebern fiel ich bei der KFW gleich mal wegen des Alters raus und wenn ich es auch noch als Aufbaustudium hätte angeben können, war ich mit der Hybrid Option wieder raus. Brain Capital sagte auch ab, weil sie nur Präsenzstudien fördern, bei der Deutschen Bildung hiess es, man habe keine Mittel mehr für ein (Teil-) Online Studium. Bei dem Rollenden Stipendium sagte man ab, da man als Höchstsumme nur einen Teilbetrag der Studiengebühr geliehen hätte und damit wäre mein Erfolg ja fraglich gewesen.  Unsere Hausbank sagte nach eingehender Prüfung ab und es klang ein wenig durch, dass sie gerne im Vorfeld involviert worden wären. (Ich habe mich erst nach Zusage an diese gewandt und nachdem kein Stipendium zu finden war). Die Sparkasse Herford bietet zwar einen Studienkredit unabhängig von Wohnort und Bank an, aber sagte mir dann dass sie doch lieber die Studenten aus der Region unterstützen. Die US Studienfinanzierer boten nur horrende Zinsen und der eine die Zusage nur, wenn ich mein VISA hätte. Die einzige halbwegs faire dieser Banken unterstützt wiederum kein Online-Studium. Dazu muss man sagen, dass ich mich zum 15.11.18 beworben hatte und um 07.12.2018 meine Zusage bekam. Ich hatte weder einen gültigen Pass, geschweige denn ein VISA. Es musste alles sehr fix gehen, denn zum Ende Januar war der erste Teil Studiengebühr fällig.

Letztendlich wand ich mich in einem verzweifelten Versuch an meine Bank aus Studentenzeiten, bei der ich immer noch ein Konto unterhalte. Und zwar ungefähr eine Woche vor Ablauf der Frist zum Zahlen der ersten Rate. Das ging dann plötzlich alles sehr schnell und unkompliziert mit einem sehr fairen Zinssatz. Leider ist so ein reguläres Darlehen immer sofort fällig und man hat keine Karenzzeit bis das Studium vorbei ist. Außerdem werde ich im Sommer während meiner Abwesenheit für vier Monate unbezahlt frei gestellt. Das erhöht den finanziellen Druck nach Abschluss minimal besser bezahlt zu werden nur geringfügig.

Was ich aus meinen ganzen Bemühungen, Bewerbungen, Telefonaten, Anschreiben und Absagen mitgenommen habe ist, dass es bei Bildungsfinanzierung definitv Alterdiskriminierung gibt. Außerdem frage ich mich, was mit diesem ganzen „Mütter zurück in den Beruf“, „Wir brauchen qualifizierte Arbeitskräfte“, „Frauen in Führungspositionen“ Slogans gemeint ist. Denn wenn man als Vierfachmutter mit durchschnittlichen Examen, mit einer hochqualifizierten Berufsausbildung, aber Brüchen im Lebenslauf keinen angemessenen Arbeitsplatz findet und sich dann entscheidet, noch eine Qualifizierung drauf zu setzen um, für den kompetitiven Arbeitsmarkt attraktiver zu werden, dann ist man plötzlich doch sehr sehr alleine, denn die Regularien sind irgendwo in einer Zeit stehen geblieben, die den heutigen Gegebenheiten (Digital und Flexibilität) nicht mehr entsprechen. Ohne die Möglichkeit nur einen Teil präsent sein zu müssen, könnte ich mit Job und Kindern eine solche Weiterbildung gar nicht wahr nehmen.

 

 

 

 

 

 

 

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Meisterin der Selbstsabotage – Berkeley Teil 2

Nach dem ganzen Gegrübel über das „ob“ folgte das „machen“. Sprich, wer nach Berkeley will muss sich auch bewerben. Bei den ersten Überlegungen zum „ob“ hatte ich mich halbherzig schon beim Justizministerium erkundigt wie ich an die Nachweise zu meinem Staatsexamen in der erforderten Form komme. Dann verließ mich der Mut und ich tat nach der Antwort genau gar nichts. Man muß dazu sagen, dass die UC Berkeley für die Bewerbung zu dem LL.M Programm einen externen Dienst vorgeschaltet hat der die erforderlichen Unterlagen sammelt und dann bei Vollständigkeit weiter leitet. Es sind viele Unterlagen, die Nachweise der Staatsexamen, ein Lebenslauf, die Scheine aus dem Studium, den Sprachnachweis (TOEFL), Empfehlungsschreiben und ein Motivationsschreiben. Mich überwältigte das ganze und ich trödelte ein wenig rum, bis ich mir ein Herz faste und meinem Chef eher beiläufig mitteilte, dass ich einen großen Gefallen in Form eines Empfehlungsschreiben benötige, da ich mich jetzt durchgerungen hatte mich zu bewerben. Man muß dazu erwähnen, dass ich ihm den Traum zwar im Bewerbungsgespräch erzählt hatte, aber danach eher nicht mehr davon geredet habe und ihn quasi mit der Bitte über meine Pläne informierte. Er war zunächst nicht ganz so begeistert, sagte aber zu und wurde im Laufe der Bewerbung mein größter Cheerleader. Ich bekam also das Schreiben und gleich noch eines vom Kollegen dazu, erbat mir eins von einem der letzten Arbeitgeber  und war somit voll ausgestattet. Die Bewerbungsdeadline war am 15. November und ich hatte es mit meinem Zögern und zaudern geschafft, dass es inzwischen Anfang November war. Ich telefonierte mit dem niedersächsischen Justizministerium und wurde hervorragend informiert und begleitet mit der Anforderung der Unterlagen in beglaubigter und übersetzter Form. Meine Uni war da nicht so fix und die Anforderung der noch nicht elektronisch erfassten und archivierten Scheine etc. war etwas schwieriger. Ich musste selber Formulare ausfüllen und übersetzen um diese dann zurück zu schicken. Auf meine Frage ob es denn keine beglaubigten Originale bedürfe bekam ich die Antwort, dass wäre noch nie vorgekommen. Ich liess es entgegen der Angaben auf der Website des Sammeldienstes darauf beruhen und vertraute erstmal. Ich hatte mir halbherzig ein TOEFL Lernbuch gekauft in welches ich ca. 20 min reinschaute, es dann weg legte und genau wie alles andere den Nachweis für das Englische schleifen liess. Ich schaute auf die TOEFL Website, suchte nach freien Terminen und stellte fest, dass diese ca. eine Woche entfernt von der Bewerbungsdeadline lagen. Zwischendurch führte meine allgemeine Verunsicherung und Angst vor mir selber dazu, dass ich mit der UC Berkeley telefonierte um abzuklären, ob es überhaupt eine Wahrscheinlichkeit gebe angenommen zu werden. Dies wurde mir bestätigt und gleichzeitig mitgeteilt, dass wenn mein Motivationsschreiben, der Lebenslauf und die Bewerbungsgebühr rechtzeitig vorlägen, es erst einmal ausreichen würde.Sie seien gewohnt, dass die Unterlagen erst später eintrudeln und ich hätte dafür noch gut zwei Wochen mehr Zeit. Das war dann der endgültige Anstoss den Hintern hoch zu bekommen. Am 12.11. schaute ich noch einmal nach den Terminen für den TOEFL, da war einer am 16.11. frei geworden, den ich dann nicht buchte. Am nächsten Morgen war er noch frei und ich zögerte wiederum. Dann ging ich arbeiten und stellte dort fest der Termin war weg. Also wirbelte ich im Kopf diverse Möglichkeiten durch und schaute dann nochmal nach. Da war der Termin wieder frei und mein Chef bekam das alles mit und drängte mich den Termin jetzt einzubuchen. Dies tat ich dann auch und bekam die Flatter ob ich überhaupt bestehen könnte. Ich übte an den folgenden Abenden bis zum 16.11. mit dem Probetest der mit der Anmeldung kam. Ich schrieb am 15.11. mein Motivationsschreiben und lies es von drei Personen gegenlesen bevor ich es mit klopfendem Herzen hochlud. Den Lebenslauf, die Bewerbungsgebühren und die Empfehlungsschreiben hatte ich vorher schon verschickt. Am nächsten Morgen ging es dann zu dem Test und ich war bannig nervös. Die tastatur dort war mies, das Umfeld seltsam, aber irgendwie schaffte ich es zu allen Aufgaben etwas abzuliefern und war 45min vor Ende fertig. An diesem Tag kam auch die Bestätigungsmail vom Justizministerium, dass meine Unterlagen auf dem Weg seien. Die Uni und das Ministerium mussten direkt an den Dokumentendienst verschicken, da hatte ich keine Mitwirkung. Das wirkt jetzt gar nicht so chaotisch und atemlos, aber ich versichere genau so war es. Man hätte es natürlich auch geordnet und strukturiert angehen können. Aber diese Entscheidung dafür war soweit außerhalb meiner Komfortzone, dass ich mich die ganze Zeit selber durch Unentschlossenheit und Trödelei sabotierte.  Ich erinnere mich nicht mehr so genau wie die nächsten zwei Wochen umgingen, nur, dass ich dauernd Emails von dem Dokumentendienst bekam, dass da Sachen fehlen. Ich versuchte mit denen zu telefonieren bevor die zwei Wochen um waren um nachzufragen wie weit sie mit den Eingängen sind und hatte erst Pech, dass wegen Schneesturms das Büro nicht besetzt war und dann dank Thanksgiving dort mehrer Tage geschlossen war. Als ich endlich jemanden erreichte konnte man mir keine Auskunft geben und ich bekam ein wenig Panik. Die zwei Wochen die mir UC Berkeley als Karenzzeit angekündigt hatte näherten sich dem Ende. Ich erinnere mich, dass ich am 30.11. auf der Firmenweihnachtsfeier sass und mir durch den Kopf ging was ich denn nur machen solle, wenn die mich nicht nehmen, welchen Plan B ich hätte und dass ich im folgenden Bewerbungszeitraum, ein Jahr älter und somit viel zu alt wäre. Immerhin hatte ich an dem Tag mein TOEFL Ergebnis bekommen, es war genug für die Bewerbung. Am 3.12. oder so rief ich wegen der ablaufenden zwei Wochen das Bewerbungsbüro in Berkeley an und schilderte mein Dilemma. Dort sagte man mir ich solle alle meine Zeugnisse etc. so wie ich sie habe direkt schicken solle. Das tat ich und rechnete mit weiteren zwei Wochen Wartezeit. Am 7.12. war da eine Email von UC Berkeley und beim zweiten Lesen stellte ich fest, dass ich angenommen worden war. Es kann sein, dass ich einen etwas lauteren Schrei ausstiess um dann ein wenig rumzuheulen und den Rest des Tages eher im Nebel zu verbringen. Irgendwann um Weihnachten rum bekam ich vom Dokumentendienst mitgeteilt, dass mein Staatsexamen angekommen war und meine Scheine auch, aber die Scheine wären nicht im Original und daher würde man alle meine Unterlagen nicht an die UC Berkeley weiterreichen. Ich rief also mal wieder in Kalifornien an und sprach mit dem Bewerbungsbüro und bekam gesagt man würde das nach den Feiertagen klären. Immerhin war ich erstmal zugelassen und soweit ich meine Studiengebühr zahlte wäre dann alles gut. Es könnte passieren, dass ich Anfang Februar erstmal vom Unterricht ausgeschlossen werden würde, wenn es bis dahin keinen ordentlich Nachweis meiner Abschlüsse gebe. Mitte Dezember war die erste Veranstaltung und am 3. Januar offizieller Programmbeginn. Jedoch gab es schon ab Mitte Dezember Aufgaben die vorher zu erledigen waren. So fing ich an zu studieren ohne zu wissen ob ich wegen des Dokumentendienstes wegen fehlender Unterlagen noch suspendiert werden würde. Mitte Ende Januar kam dann endlich eine Email aus Berkeley die mir mitteilte, dass man dem Dienst nun angewiesen hätte meine Unterlagen so wie sie sind zu übersenden, der formelle Teil war damit überwunden und somit bin ich offiziell und unwiederbringlich Studentin der UC Berkeley, School of Law. Im nächsten Teil erzähle ich dann von finanziellen Hürden auf dem Weg dort hin.

Auf über den Teich – Berkeley Teil 1

Ich habe gerade mit Schrecken festgestellt, dass ich vor fast zehn Jahren den Text über meinen Weg und die Richtungsfindung gebloggt habe. Inzwischen ist viel passiert, ich hab zwei Kinder mehr die an mir zerren und mich brauchen. Die größeren sind zwar inzwischen so groß, daß sie nicht mehr ununterbrochen an der Hand gehen müssen, aber die mütterliche Navigationsleistung ist trotzdem noch gefragt. Nach langem Ringen habe ich, wie man dem ein oder anderen Blogeintrag entnehmen konnte einen Arbeitsplatz gefunden. Zwar entspricht der nicht meiner Qualifikation, ist aber der Kompromiss den ich eingegangen bin um überhaupt in der Arbeitswelt anzukommen. Das mache ich jetzt schon bald zwei Jahre und es ist soweit so gut. Trotzdem hatte ich immer mehr vor. Schon bei meinem ersten Gespräch mit dem Chef sagte ich am Ende, beim unoffiziellen Teil, dass mein Traum war und ist meinen LL.M in Berkeley zu machen. Dafür gibt es diverse Gründe, aber vorallem erhoffe ich mir davon bessere Chancen nach meinen verschlungenen großteils fremdbestimmten Wegen meiner Qualifiaktion gemäß arbeiten zu können. Zu dem Zeitpunkt hatte Berkeley gerade den professional track eingeführt. Ein Programm bei dem man den LL.M erwerben kann in dem man zwei Sommer à 13 Wochen vor Ort die erforderlichen Kurse und Prüfungen absolviert. Schon wesentlich besser machbar, als ein komplettes akademisches Jahr dort zu verbringen, aber angesichts von Familie und Arbeitsvertrag schwer durchsetzbar.

Vor einiger Zeit stellte ich dann fest, dass es ein neues Programm zum Erwerb des LL.M in Berkeley gibt. Die hybrid option. Zwei Trimester online, ein Trimester vor Ort. Das klang viel machbarer, spannend. Nur drei Monate weg, der Rest während man in Lohn und Brot steht in der Freizeit. Und plötzlich schien es eine Option zu geben, eine Möglichkeit den seit Studientagen erträumten Zusatzabschluss zu erwerben.

Ich dachte dann aber nicht weiter darüber nach und machte so weiter wie bisher. Bis mich Unzufriedenheit auf verschiedenen Ebenen die Möglichkeit wieder ins Auge fassen liess. Das war im Oktober. Die Kosten, der Flug, die lange Trennung von den Kindern liessen mich erstmal wieder zurück schrecken, und doch ich schaute immer wieder auf die Vorraussetzungen und plante wie ich das schaffen könnte. Dann kamen die Selbstzweifel, mit mittelmäßigen Examen nicht gut genug zu sein, die Sorge was es mit mir machen würde wenn sie mich nicht nehmen. Trotzdem schickte ich am Stichtag die Bewerbung ab und wie chaotisch das alles ablief schreibe ich im nächsten Teil.

Redet mehr mit den Menschen

Es ist schon auffallend wieviele der Nutzer des ÖPNV sich hinter Kopfhörern, Smartphone oder Buch verschanzen. Manche schotten sich auch einfach durch abwesenden Blick bzw. geschlossene Augen ab. Ich gebe zu, auch ich fahre oft nach der Arbeit einen Umweg von ca. 25 min um noch ein bischen Zeit für mich zu haben und dabei einen Kaffee zu trinken bevor ich die Kinder einsammele. Ich brauche diese Auszeit um nicht von einem Job in den nächsten zu stolpern. Trotzdem beobachte ich dabei gerne die Menschen um mich rum. Komme des öfteren mal mit dem einen oder anderen ins Gespräch.

So auch vorgestern als ich auf den Bus wartete. Ich sass und eine ältere Dame fragte mich ob dort auf der Bank noch Platz für sie sei. Sie setze sich zu mir und fing an zu erzählen. (Nein sie redete nicht erratisch los, aber der Aufhänger für die Kontaktaufnahme ist mir entfallen.)

Jedenfalls erfuhr ich, dass sie schon 84 Jahre alt ist, einen Sohn hat der über 60 Jahre alt ist. Dass sie schon viermal auf Hawaii war, aber das letzte mal war es blöd. Dass sie mit 55 Jahren aus dem Postdienst in den Ruhestand gegangen ist und dann einfach mal nach Melbourne flog, da kannte sie jemanden (ich habe es so verstanden, dass es sich um einen Mann handelte) und dort war sie dann auch bis vor einigen Jahren. Seit sie wieder hier ist hat sie Rheuma und überhaupt war dies ein ungutes Jahr, diverse gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Außerdem habe sie gestern bei einer Nachbarin in einem Sessel gesessen den sie nun auch haben will, und sie deutete beim Erzählen auf die Strasse hinter dem Saturn. Mir fiel sofort ein, dass es dort die Stressless Sessel gibt und genau so einen wollte sie. Aber den kauft sie erst, wenn sie im Januar ihren Termin mit ihrem Professor hinter sich gebracht hat. Als ich fragte ob sie studiere antwortete sie, nur mit dem Namen des Professors, als müsste ich den kennen. Es stellte sich dann raus, dass er ein bekannter Krebsarzt ist, weiter habe ich dann nicht nachgefragt.

Den Tag vor unserem Treffen war die Dame übrigens in Grönland, aber nur via Dia-Show bei einer Freundin, da wolle sie aber nicht persönlich hin, denn dort sei es ihr zu kalt und dunkel, aber beeindruckend waren die Bilder schon. Ansonsten sei sie aber sehr viel gereist in ihrem Leben.

Als ich nochmal nach dem Sohn fragte, erzählte sie, dass er zur See gefahren sei und nun in Spanien hängen geblieben ist und sie sich deswegen kaum sehen. Wir sassen inzwischen im Bus nebeneinander und sie erzählte und erzählte. Unter anderem auch, dass dort wo am Gänsemarkt der Rossmann ist, früher ein Tanzlokal war (leuchtende Augen) und es unmöglich ist, dass das Haus jetzt abgerissen werden. Und vorher tuschelte sie mir zu, dass für sie Hamburg die schönste Stadt der Welt sei, aber nachdem sie so viel von der Welt gesehen hatte müsse das eigentlich revidieren, gerade weil sich baulich so viel ändert.

Übrigens möchte sie mindestens so alt werden wie ihr Vater der kurz vor seinem 89ten Geburtstag verstarb. Und dann kam schon ihre Haltestelle und sie sagte noch sie ist glücklich und das Leben ist schön. Wünschte mir alles Gute und stieg aus.

Für solche Geschichten und den optimistischen Blick aufs Leben lohnt es sich immer wieder zuzuhören.

Das macht Dein Mann toll …

Heute auf dem Weg zur Arbeit traf ich eine Kita-Mutter. Wir plauderten und sie teilte mir mit, dass sie meinen Mann und den Vater meiner Kinder auch schon getroffen hatte. Gefolgt von der Anmerkung, dass er das ja wacker jeden Tag mache und dass das toll sei. Ich wand ein, dass er das macht soweit er da ist, da er freiere Arbeitszeiten hat und fühlte mich unwohl.

Später im Bus wurde ich fast wütend, nicht auf die Mutter sondern auf die Umstände, dass mein Mann dafür gelobt wird, das er Anerkennung dafür bekommt, dass er seine Kinder morgens zur Kita/Schule bringt. Mich lobt niemand dafür, dass ich meine Kinder (fast) jeden Tag abhole, dass ich einkaufen gehe, dass ich Geschenke besorgen, Termine mache und wahrnehme und aktuell zB die Adventskalender ( SECHSUNDNEUNZIG TÜTEN) und die Nikolausstiefel gefüllt habe. Nein ich brauche dafür eigentlich kein Lob, denn für mich gehört das neben der Arbeit zur Familie dazu. Ab und zu mal eine Anerkennung, das (neumodisches Wort) carework anstrengend ist und meist nebenbei erledigt wird wäre nett, aber nunja. Was mich vielmehr aufregt ist, dass sobald ein Mann und Vater sichtbar einen kleinen Teil der Fürsorgearbeit neben seinem ach so fordenden Vollzeitjob übernimmt, dies einer Erwähnung wert ist und man das sogar bewundert.

Es ist ja nicht so, dass eine Person alleine entscheidet Kinder zu bekommen, vier Kinder schon gar nicht. Insofern sollte es selbstverständlich sein, dass jedes Elternteil den ihm (zeitlich) möglichen Teil macht ohne, dass man darüber vor Freude Purzelbäume schlägt vor Bewunderung. Aber wie man sieht ist es was denn männlichen Teil einer Familie betrifft wohl doch nicht selbstverständlich, weder in der Erwartungshaltung der Gesellschaft noch in der Ausführung.

Mental load – oder was machen die eigentlich den ganzen Tag?

Bevor wieder irgendein gekränktes männliches Wesen (oder auch eine anders meinende Frau) meint, dieser Artikel sei sexistisch oder sie seien sowieso ganz anders sei vorweg gestellt, dass der Text keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt und Ausnahmen immer die Regel bestimmen. Disclaimer Ende.

Als ich noch nicht wieder arbeiten war, hatte ich des öfteren müßige Diskussionen mit dem Mann darüber, was ich eigentlich den ganzen Tag mache und wieso ich erschöpft sei, wenn die Kinder doch bis zum frühen Nachmittag in der Betreuung seien und überhaupt. Außerdem würde er sie doch morgens fertig machen, weg  und abends oft ins Bett bringen. Und das obwohl er doch arbeiten gehe.

Immer wieder versuchte ich zu erklären, dass die Zeit der Abwesenheit der Kinder keine reine Freizeit sei (und ich bis zu seiner Heimkehr ca. 5 Std alleine mit müden/nörgeligen/fordernden kids verbrachte), dass da, auch wenn wir nicht den tiptop Haushalt haben einiges passieren würde und die Abwesenheit der Kinder bei Brutto 6 Std nicht 6 Std netto Freizeit für mich bedeuten. Viele der Arbeiten die anfielen und -fallen sind Dinge die man nicht sieht. Es sind nicht eine geputzte Küche, saubere Klos, aufgeräumte Böden, gewaschene und verräumte Wäsche etc. , die Sachen sieht man nach einem Nachmittag mit 2-4 Kindern der Wohnung eh nicht mehr an, es sind die Dinge die im Kopf laufen.

Diese aber zu erklären und zu verdeutlichen fiel mir und fällt mir immer schwer, denn man sieht sie nicht.

  • zu bezahlende Rechnungen
  • Kinderarzttermine
  • Sport/Musikunterricht
  • wer wann zu welchem Kindergeburtstag eingeladen ist und welches Geschenk woher braucht
  • die Organisation der eigenen Kindergeburtstage
  • den Überblick über die Finanzen, die Einkäufe, den Klamottenbestand der Kinder, den Schulbedarf, wann die Steuer in welcher Höhe zu zahlen ist.
  • welche Rücklagen gebildet werden müssen
  • Urlaubsplanung
  • Arzttermine für den Hund, Impfungen, Entwurmung etc.
  • Einladungen die wir erhalten und für die evtl. Geschenke besorgt werden müssen
  • etc. etc.

All dieser kleinteilige müßige Alltagsscheiss der weder Anerkennung noch Geld nach Hause bringt. Der die Familie am Laufen hält, aber an der Oberfläche nicht sichtbar ist. Der den Kopf  dauerhaft am rotieren hält, da man nicht abschalten kann, denn wenn ein Ball fällt, fallen viele.

Ich schreibe das nicht auf, um zu jammern, sondern weil ich so erleichtert war, als ich am Wochende diesen Artikel las und merkte, ich bilde mir das nicht ein, es geht nicht nur mir so.

More of the Mental Work

Walzer found that women do more of the intellectual, mental, and emotional work of childcare and household maintenance. They do more of the learning and information processing (like researching pediatricians).

They do more worrying (like wondering if their child is hitting his developmental milestones). And they do more organizing and delegating (like deciding when the mattress needs to be flipped or what to cook for dinner).

Even when their male partners “helped out” by doing their fair share of chores and errands, it was the women who noticed what needed to be done. (…)
„Husbands may do more housework and childcare than before, but women still delegate“ (…)
No wonder wives have the reputations of being nags (…)
Like much of the feminized work done more often by women than men, thinking, worrying, paying attention, and delegating is work that is largely invisible, gets almost no recognition, and involves no pay or benefits.
Und das ist es was mir wirklich aufstößt, das was mich wütend macht. Nicht nur, dass es nicht gesehen wird, es führt auch dazu, dass wenn man ausspricht was getan werden muss als die nörgelnde, immer mehr fordernde Frau da steht, die den armen Mann, der schon auf dem Arbeitsmarkt seine Haut zu Markte trägt und sich mit dies und das in den Familienalltag einbringt gar nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Während der Kopf in Dauerrotation ist um alle Bälle in der Luft zu halten. Selbst wenn man selber arbeiten geht, bleibt dieser Teil in großen Teilen an den Frauen hängen.
Nein, es geht hier nicht nur um mich und meine Rolle, auch, aber nicht nur und nicht in der Schärfe wie das eventuell anmuten mag. Ich habe im Laufe der vier Kinder genug Frauen, Mütter, Partner kennen gelernt um zu wissen, dass dies immer wieder vorkommt.
Also bevor nochmal jemand meint, die schiebt ja eine ruhige Kugel, die sitzt ja nur mit dem Kind (singular oder plural) zu Hause und hat den Vormittag frei, sollte man mal darüber nachdenken was alles hinter den Kulissen unsichtbar passiert.
Als ich den verlinkten Artikel auf Facebook postete bekam ich einen noch markanteren Artikel zu dem Thema verlinkt, der das ganze noch besser und plastischer (da als Comic) auf den Punkt bringt und unbedingt lesenswert ist.
Zum Ende hin, wird es mir dort zwar einen Tuck zu dogmatisch aber der Kern der Aussagen vorher und die Bilder passen wie Faust aufs Auge.
Es muss noch viel passieren, bis eine Partnerschaft ob mit oder ohne Kinder wirklich gleichberechtigt ist.

Na wie ist es denn so?

Das ist die Frage die ich in letzter Zeit am meisten höre. Sowohl im Familien- und Freundeskreis, aber auch im erweiterten Kreis meiner Blase im Netz hat man regen Anteil daran genommen, dass ich nach all den Jahren eine Anstellung gefunden habe. Und meistens antworte ich mit den Worten, dass es ungewohnt, aber gut ist und ich oft müde bin.

Also müde eher nicht bei der Arbeit, aber danach. Wer den Biorhythmus einer Nachteule hat, der stellt sich nicht in drei Wochen um und ist morgens eine fröhliche Lerche. Aber ich stelle mir den Wecker so, dass ich wenigstens ein wenig Ruhe am Morgen habe um meinen Kreislauf in Schwung zu bekommen. Arbeiten gehen ist dann aufregend genug um mich in den Stunden wach und aufmerksam zu halten auch wenn es ab und an kleine Schwächen in der Formnote gibt.

Inhaltlich ist es so wie erwartet, Sekretariat mit juristischen Ausschlägen. Die Sekretariatsarbeit ist nicht so schwer, aber doch viel Formkram den man sich merken muss und wo es mir wirklich unangenehm ist, wenn ich ein zweites oder drittes mal nachfragen muß wie es denn nun geht. Man nehme nur so eine Telefonanlage, eigentlich keine Raketenwissenschaft, aber sich am Telefon richtig zu melden, dann Rückfrage zu halten, ohne große Zwischenfälle zu verbinden ohne den Anrufenden aus der Leitung zu schmeissen sind für das weiche Muttihirn teilweise mit einer gewissen Herausforderung verbunden. Am Besten steht dann noch der Chef hinter oder um einen rum, dann geht gar nix mehr. Gut Gelassenheit ist eine Eigenschaft für das nächste Leben. Ich zweifele dann ja schon an mir, genauso, wenn ich mir nicht merken kann, wer denn nun den Schriftsatz in welcher Ausführung mit welchem Stempel und welchen Anlagen bekommt. Aber man kann sich ja alles mal aufschreiben und Übung macht den Meister, andere schaffen das ja auch im Halbschlaf rückwärts mit geschlossenen Augen. So viel Kapazität sollte ich mir dann schon zutrauen.

Was mich mehr anfrisst ist, dass ich doch feststelle, dass eine großer Teil des juristischen Präsenzwissens ganz tief nach unten in die Hirnwindungen gesackt ist. Und dann rutscht mir auch noch ein Quatsch raus und die Selbstzweifel triumphieren mal wieder. Aber paah, davon lasse ich mich nicht unterkriegen. Erstens kann ich lesen und habe auch spezifische Lektüre da und zweitens habe ich oft genug erlebt, dass gewisse Dinge oft unvermittelt wieder präsent sind. In diesem Studium wird einem ja einiges so oft eingebläut, dass man es gar nicht dauerhaft vergessen kann. Abgesehen davon, welcher Jurist hat, außer ganz frisch aus dem Examen, abgesehen von der Materie mit der er ständig zu tun, wirklich große Teile des Erlernten abrufbar?

Aber unter dem Strich ist alles fein. Die Kollegen sind nett, gut was sie denken weiss ich natürlich nicht, aber sie sind nett zu mir. Freundlich und hilfsbereit, es scheint ein gutes Arbeitsklima zu herrschen, soweit ich das nach kurzer Zeit beurteilen kann. Das ist viel wert und macht einem das Eingewöhnen in die Arbeit und ein neues Umfeld leicht(er).

Komisch ist es damit zurecht zu kommen, sich seine Zeit nicht mehr ganz frei einteilen zu können und wenn meine Stunden um sind folgt gleich der „Familienjob“. Ich jongliere noch damit mir Freiräume zu schaffen. Die Zeit sinnvoll einzuteilen, dass ausser Beruf und Haushalt auch Freizeit bleibt. Da ich noch nicht volle Tage arbeite ist das eigentlich machbar, aber momentan schlafe ich nachmittags oft ein (Ein Hoch auf größere Kinder, die dann die kleineren beaufsichtigen) und danach bleibt nicht mehr so viel Zeit. Am Wochenende muss dann aufgeholt werden, was nun liegen bleibt, da ich vormittags dafür keine Zeit mehr habe. Aber das wird sich alles einspielen.

So sieht das auch nach gut 3 Wochen in Lohn und Brot, es gab auch schon den Tag an dem ich mir am liebsten morgens die Decke wieder über den Kopf gezogen hätte und dachte mich sollen alle in Ruhe lassen, aber das gehört halt dazu und im Büro war es dann wieder gut. Mit der Routine wird sich alles einspielen, (noch) bin ich da optimistisch 🙂