Tschüß Fleischerei Geissler – Das Ende der „reellen Portion“

Wer mich kennt und mich über unsere alte Wohnung im alten Viertel reden gehört hat, der weiß auch, daß in jeder Erzählung unser Schlachter erwähnt wird.

Unser Schlachter war einfach immer da und wenn wir aus der Verbannung zu Besuch in der alten Stadt waren, gehört wenn möglich ein Einkauf bei ihm dazu.

Rein optisch wirkte der Laden wie ein Relikt aus den Fünziger Jahren und auch die Art der Bedienung der Kunden war im Gegensatz zu vielen Supermärkten wohltuend altmodisch. Links gab es Fleisch, inklusiver hervorragender Beratung beim Chef, rechts den Aufschnitt und die Rechnung von seinen Damen.

Die Qualität der Waren war immer super, nirgendwo kauften wir so gerne Fleisch- und Wurstwaren wie dort.
Da der Laden so wenig supermodern wirkte hatte er etwas unendliches, seine Existenz strahlte eine Beständigkeit aus, die mir irgendwie auch immer Trost gab als wir nicht mehr um die Ecke wohnten.

Nach unser Rückkehr versuchten wir so oft wie möglich zumindest am Wochenende dort einzukaufen, aber nachdem wir da Auto aufgeben mußten, war das logistisch nicht mehr so einfach, so daß wir in den letzten Wochen nicht dort waren.

Um so größer war der Schock, als wir Samstag vor der Tür standen und feststellen mußten, daß es den Fleischer nicht mehr gibt. Er wurde Ende September aus Altersgründen geschlossen.
Altersgrüne?
Gut, die Inhaber wirkten nicht mehr taufrisch, aber alt hätte ich sie nicht bezeichnet, höchstens älter.
Die Welt war für mich in Ordnung solange es den Schlachter gab, nun ist er weg.
Auch wenn der Gatte wieder mokiert, daß er meine weinerlichen Einträge nicht mag, ich muß gestehen ich hatte Tränen in den Augen beim Anblick des Plakates über die Schließung.

Der Laden war da als ich neu in der Stadt war und mich noch ein wenig verloren fühlte, er war da, wenn ich schwanger Heißhunger hatte und dringend eine hausgemachte Bulette oder ein Würstchen brauchte, er war da als ich als neue Mutter vor Schlafmangel kaum kochen konnte und der Mann mir gehaltvolle Gerichte kredenzte, er war da und schenkte meinen Kindern Würstchen bei jedem Einkauf, er war immernoch da als wir wegziehen mußten und da als wir wiederkamen, irgendwie ein Anker in der schnellebigen Zeit und die erste Wahl wenn wir Fleisch und ähnliches brauchten. Nun ist er zu.

Liebe Geisslers, ich danke ihnen für die Jahre die ich bei Ihnen einkaufen konnte, ich wünsche Ihnen einen wohlverdienten Ruhestand und viele gesunde Jahre.

Schade nur, daß das so plötzlich passieren mußte, ich vermisse meinen Schlachter schon jetzt, denn wer verkauft mir denn jetzt mein „reelle Portion“, die auch den Mann satt macht.

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Eine Antwort zu “Tschüß Fleischerei Geissler – Das Ende der „reellen Portion“

  1. das ist echt schade.

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