Das Internet und Ich

Es war so 1997 als ich in der Sitzung des Siedlungsrats meines Studentenwohnheimes einen der seltsamen Typen, die dafür zuständig waren anraunzte, ob das mit dem Internet denn noch was werden würde bevor ich mit bestandenem Examen das Wohnheim verlassen würde. Das Internet, das klang nach Verheißung, eine tolle neue Parallelwelt in der man lauter Sachen entdecken können soll. Immer wieder wurde gesagt, daß Kabel gezogen werden sollen, daß jeder in seinem Zimmer Zugang zur neuen Wunderwelt erhalten solle und es war immer noch nicht da.

Als Antwort kam ein lapidares, wenn es Dir so wichtig ist, dann hilf doch mit. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und war ab sofort Mitglied im Internettutorium. Das führte dazu, daß ich plötzlich Kabel zog, zu jeder Tag und Nachtzeit Mitbewohner im Zimmer stehen hatte, deren Anschluß nicht funktionierte, lernte und vermittelte wie man den Rechner zu konfigurieren hatte und daß tatsächlich mein kleiner Windowsrechner 24/7 Internetanschluß hatte.

Dabei blieb es aber nicht, irgendwie ging es weiter, daß ich beim Studentenwerk angestellt wurde um den Help-Desk für alle Studierende zu besetzen, die in Scharen kamen um ihre eigenen Rechner an das Studierendennetz anzuschließen oder wissen wollten wie sie die öffentlichen Terminals nutzen. Irgendwann während dieser Tätigkeit raunzte ich einen nervigen Kerl an, der es wagte mich in der stressigen Beratungszeit mit einer belanglosen Frage abzulenken. Dieser Kerl ist nun mit mir verheiratet, aber ich schweife ab. Hinzu kam später das Konzipieren und Erstellen des neuen Internetauftrittes des Studentenwerks (mit eben diesem Kerl) und noch etwas später fand ich mich wieder als Dozentin die im Auftrag der Uni,  den Interessierten die Einführung in die Internetnutzung erklärte.

Für mich war das Internet tatsächlich die versprochene Wunderwelt, diese Möglichkeiten, diese Kommunikation, die bunten Bilder. Erinnert noch jemand den Spaß beim Abrufen von kleinen, schlecht gedrehten „Fi**Filmchen“ die man sich anschaute (mit Netscape!)weil sie einen Großteil der Inhalte im WWW darstellten? Plötzlich konnte man Dinge kaufen in dem man sich an den Rechner setzte. Der erste morgentliche Griff war nicht mehr nur der zur Kaffee-Bereitung sondern auch zum Rechner um ihn anzuschalten und zu schauen ob nicht über Nacht Emails gekommen waren. (Ja lieber Kinder, damals hatte man noch nicht per se einen Laptop, und diese sogenannten Desktop Rechner waren laut und wurden nachts abgeschaltet).

Was ich eigentlich sagen wollte ist, ich bin schon ein bischen dabei, ich nutz diese bunte Wunderwelt schon einige Tage. Sie hat ihren Reiz nicht verloren, ich liebe es das Internet als Kommunikationstool zu nutzen. Sind doch in dieser Zeit die Freunde oft nicht mehr vor Ort. Ich liebe es auch das Internet als Recherche- und Informationstool, als Einkaufstool als Darstellungstool zu nutzen. Alles so schön bunt, alles so schön einfach hier.

Ich sehe, welchen Stellenwert es in der heutigen Zeit gewonnen hat ich sehe welchen Wirtschaftsfaktor es darstellt. Ich sehe es aber nicht als das goldene Kalb an um das sich alles zu drehen hat ohne das nichts mehr geht.

Ja mein Laptop ist kaum aus, ja ich bin fast immer darüber zu erreichen, ja ich nutze es ständig, aber es ist nicht alles. Ich habe ein wundervolles Multifunktionswerkzeug erhalten, das ich gerne und ausgiebig nutze. Ich würde „leiden“ hätte ich es nicht, denn zu sehr habe ich mich daran gewöhnt. Aber es kann nicht alles sein.

Ich möchte Bücher auf Papier lesen, Zeitschriften mit ins Bett nehmen (oder aufs Sofa) ohne daß ich um den Inhalt aufnehmen zu können eine Maschine auf mir stehen habe. Ich möchte Musik mit meiner Anlage hören, einfach so mit einer CD (am liebsten würd ich auch einen Plattenspieler aufstellen). Ich möchte Menschen kennen, die ich nicht ausschließlich erstmal anonym im Internet kennengelernt habe. Einkaufen bedeutet für mich auch, die Dinge mal in natura gesehen zu haben, durch Läden gegangen zu sein und nicht nur Bilder auf dem Monitor angeschaut zu haben.

Was ist das sonst für ein Leben welches nur noch vor dem Rechner statt findet weil ich dort (fast) alles machen kann, wenn ich verpasse wie mein Kind die ersten Schritte macht, weil ich mal kurz was im Internet machen wollte, ich die Befindlichkeiten des Lebenspartners nur noch aus seinem Blog kenne, da man abends nicht redet sondern im Internet rumhängt. Wieso soll der Markt ausschließlich nur noch im Netz statt finden? Was ist mit den kleinen Kontakten wenn man rausgeht um Besorgungen zu machen. Woher weiß ich wie Regen riecht, sich Schnee,  die Sonne auf der Haut anfühlt, Meerwasser schmeckt wenn ich alles (Er)leben aus meinem kleinen schwarzen Laptop ziehe.

Mir wurde letztens von jemandem gesagt er/sie/es sei ein Netzbürger. Bitte was? Mich hat das erschreckt, ich bin ein Mensch dieser Welt und will diese überall mit allem erleben und nicht nur mit/durch/wegen des Internets. Der Schwerpunkt liegt bei mir woanders, gerne mit meinem Multifunktionswerkzeug aber bitte nicht ausschließlich und hauptsächlich.

Nennt mich altmodisch, verklärt, oder was weiß ich, aber ich bin so und vielleicht bin ich einfach auch nur zu alt für diese Welt.

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