Lieber Herr T. Schmitz vom Stern – Amy MacDonald in Berlin

Sie und ich, wir waren Donnerstag auf dem gleichen Konzert im Astra in Berlin. Sie haben schon darüber geschrieben, ich bisher noch nicht, aber mich bezahlt ja auch niemand dafür.

Sie fielen mir schon nach dem Konzert auf, als sie jemandem vom Team um Amy MacDonald die Frage stellten, wie man den Erfolg von Amy MacDonald in Deutschland erklären könnte, sie würden es nicht verstehen, sie sei doch nicht so besonders und ihre Show relativ langweilig. Daß Sie es nicht verstehen, konnte man dem weiteren Gespräch entnehmen, genauso wie dem Artikel, den Sie inzwischen für den Stern veröffentlich haben.

Verstehen Sie mich nicht falsch, Musikempfinden ist immer subjektiv, Musikgeschmack individuell. Das respektiere ich und verlange diesen Respekt auch von anderen. Nicht verständlich ist mir, wieso Ihre Kritik so von oben herab, geradezu arrogant und so gelangweilt ausfallen mußte.

Sie beginnen Ihren Artikel mit der Kritik an dem von Amy getragenen blauen, kurzen Paillettenkleid, das Ihrer Ansicht nach in Kombination mit den Leggings und den Stiefeln ins Vulgäre abdriftet. Ja und? Was soll mir diese Feststellung sagen, die Musik hat kaum Wert, denn das Outfit war vulgär? Ist es nicht das Vorrecht der Zwanziger in gewagten, nicht immer passenden aber leicht provokanten Outfits aufzutreten?  Was ist mit der großen Anzahl anderer monitär sehr erfolgreicher Stars, deren Kleidchen, wenn man es noch so nennen darf, wesentlich kürzer und kaum noch den Oberkörper bedeckend sind? Mit dutzenden Videos/Auftritten von Künstlern, bei denen die Garderobe nahezu Porno schreit? Ich denke genau diese Künstler in ihrer durchgestylten Hochglanzambiente sind allzu oft vulgär. Obwohl  sie damit als provokativ oder sexy gelten möchten, was dann gerne mal auch über mangelndes Talent, Stimme oder langweiligen Song hinweg täuschen darf.

Amy hingegen ist Anfang Zwanzig und kleidet sich eben wie eine diesen Alters, die loszieht, um zu feiern. Hintern und Brust waren mehr als ausreichend bedeckt, vulgär fand ich an dem Ensemble nichts.

Ach ich vergaß, Sie erwähnten ja, daß Amy zur Durchbrechung des verruchten Images ihre Akkustikgitarre vor sich herträgt.  Darf ich Sie erinnern, daß sie die Gitarre nicht nur trägt, sondern auch spielt?

Der Rest ihres Artikels läßt im übrigen eigentlich nur durchklingen, daß Sie die Musik als abwechslungsarm und als nicht besonders ansehen, daß es sich um ein in Variationen eines gleichbleibendes Konzept handele, welches sich Dank der Eingängigkeit gut im Radio spielen ließe.

Sie haben also keinen Zugang und sehen sie nur als talentiertes, einfaches Mädchen der Folkszene an. Dann werde ich Ihnen mal aus meiner subjektiven Sicht erklären, wo ich den Erfolg begründet sehe.

Amy ist authentisch, so einfach ist das. Sie ist selbstgemacht, sie hat eine großartige Stimme und sie singt was sie schrieb und ihr nicht irgendein erfolgsgekröntes Team auf den Leib konzipiert hat. Sie singt, ja sie singt sogar live, mit dieser unvergleichlichen Stimme. Selbst das typische Glattbügeln des Sounds im Studio läßt ihre Stimme von CD immer noch einmalig klingen. Die übrigens außer einem leichten Akzent nicht so viel mit Dolores O’Riordan gemeinsam hat. Sie hat nicht den ins Falsett gehenden Stil, aber das nur am Rande. Ihre Stimme ist tiefer und da sie ihre eigenen Songs singt, bringt sie genau das herüber, was sie sich bei den Songs gedacht hat und damit berührt sie den aufmerksamen Zuhörer. Es gehört einiges dazu, so aus sich zu singen, um das Publikum zu berühren.

In einer Zeit, in der die meiste Musik nur noch aus drittklassiken Castings heraus produziert wird, in dem das erfolgsversprechende Aneinanderreihen von Chords und Tönen nach Schema X, das Outfit und das Musikvideo wichtiger sind als Authentizität, in solchen Zeiten braucht es Musik wie die von Amy. Und nein ich finde nicht, daß sie den Anschein eines Singer/Songwriters hat, der gerne zur Begleitmusik im Pub gewählt wird. Dazu ist die Musik zu rockig, mit Anklängen in die Independent Szene und dazu tritt die Folk-Attitüde zu sehr in den Hintergrund. Aber was weiß ich schon, ich bin weder Journalist noch Musikkritiker oder -wissenschaftler.

Ja, die Musik verströmt eine gewisse Harmonie, was Sie wohl mit ihrem „hübsch /eingängig“ meinten. Ich liebe laute Musik, ich liebe wilde Musik, ich mag auch gebrüllte Songs voller Aggressivität, aber alles hat seine Zeit. Und so auch harmonische Musik, die nicht mit Dissonanzen und lächerlich provokativen Texten brilliert. Warum das gerade so erfolgreich ist? Nehmen Sie Authentizität, eine großartige Stimme, wenig Attitüde, die Seele berührende Musik und schauen Sie sich dazu um, was sonst so in der Welt passiert. Die Menschen brauchen eine Atempause, einen Rückzugspunkt.

Letztendlich konnte Sie nicht verstehen, warum das Publikum während des Konzerts so begeistert war, so mitging, Amy hätte doch nichts getan auf der Bühne. Ja stimmt, es explodiert nichts, es brennt nichts, es gibt keine durchchoreographierte Bühnenshow, die darauf schließen läßt, daß das Workout letzte Woche perfekt und der weltbeste Choreograph engagiert worden war. Eben das ist der Punkt, nichts lenkt von der Musik und der sie tragenden Stimme ab. Amy ist ruhig, ja, sie wirkt leicht verschlossen, konzentriert. Aber man sieht auch wie sie auftaut, wie sie dem Publikum Blicke zuwirft, die Kommunikation aufnimmt, trotz der fremden Sprache , wie sie anfängt zu „rocken“ während sie die ach so harmlose Akkustikgitarre spielt. Und man spürt auch die leichte Unsicherheit einer sehr jungen Frau, die plötzlich nach langer Arbeit erfolgreich ist und dies nicht so ganz glauben zu können scheint. Das macht sie sympatisch und besonders. Selbstverliebte Selbstdarsteller haben wir genug in diesem Business.

Und wäre die Anlage im Astra nicht so seltsam ausgesteuert gewesen, hätten Sie ein wenig aufmerksam hingehört, wäre Ihnen aufgefallen, daß neben der vordergründigen Gitarre sehr viele interessante Soundelemente verwendet wurden, die jedem Song etwas eigenes, individuelles geben. Mehr noch sogar als auf dem vorherigen Album. Und natürlich erkennt man einen Song von Amy, das ist auch gut so, ihre ganz persönliche Handschrift scheint immer durch. Der Stil bleibt erhalten, wenn ich auch widersprechen möchte wenn Sie sagen, daß ein Konzept bis zum Erbrechen in nur geringen Variationen neu eingespielt wird.

Würden Sie im übrigen dies auch über internationale, von den Kritikern hoch gelobte, Bands schreiben, erkennt man einen Song von Depeche Mode, Muse, Radiohead, Prodigy, den Stones, Hendrix, Janis Joplin nicht auch immer wieder als einen solchen, selbst wenn man den speziellen Song nicht kennt? Jeder Musiker ob gut oder nicht, ob selbst schreibend oder nicht hat seinen Stil, der durchklingt, den Wiedererkennungseffekt auslöst.

Natürlich erkennt man Reifung und Weiterentwicklung bei manchenKünstlern die schon länger im Geschäft sind. Sogar die eigene Neuerfindung ist nicht unüblich, aber Sie vergessen: Amy ist noch jung. Ich bin überzeugt, wenn sie dabei bleibt, wird auch sie diese Weiterentwicklung haben.

Sie ist talentiert und dieses Talent äußert sich nicht in der Wiederholung etwas Erfolgreichem. Und genau dieses Talent macht aus dem, wie Sie sagen, gewöhnlich scheinendem Mädchen (Eine Zweiundzwanzigjährige als Mädchen zu bezeichnen, finde ich im übrigen herablassend) etwas Außergewöhnliches. Aber wie eingangs gesagt, Musikempfinden ist subjektiv und wenn Sie das Besondere hier nicht spüren können, dann tut mir das aufrichtig leid. Bleibt für mich nur die Frage, warum um Gottes Willen Sie auf das Konzert gegangen sind, anstatt etwas sinnvolles mit Ihrer Zeit anzustellen, um dann diese Konzertkritik zu verfassen die aus jedem Satz Unverständnis und Langeweile strahlt.

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12 Antworten zu “Lieber Herr T. Schmitz vom Stern – Amy MacDonald in Berlin

  1. Klasse, ehrlich grosse Klasse !! Hab den Stern Artikel gelesen. Vielleicht hat der Schreiber ja ein Problem mit talentierten Frauen, die nicht gaga rumhüpfen ;).

  2. Da ich auch ein Amy McDonald Fan bin, kann ich in jedem Buchstaben Deine Wut nachempfinden – auch wenn ich gar nicht im Konzert war.

  3. Ich bin auch für Sibylle.

  4. Sehr schön die Stern-Kritik auseinander genommen.Toll geschrieben!

  5. Danke für diesen Artikel, liebe Sibylle!
    Ich frage mich auch, warum der Herr Schmitz einen so feigen Artikel schreibt – vordergründig von dem ganz netten Mädchen mit ebensolcher Musik, aber hintergründig in jeden Satz Verachtung legend.
    Meine Theorie dazu ist folgende: eine ehrlich Kritik konnte er leider nicht schreiben, denn dann hätte er sich mit Amys wundervoller Solo-Interpretation von Springsteens Dancing in the Dark oder mit dem begeisterten Publikum auseinandersetzen müssen und nicht mit Amys Kleid.
    Vielleicht will er das als Musikkritiker auch gar nicht – ein Verriss und reißerische Nachrichten mussten vielleicht mal wieder her. Dafür bietet Amy leider wenige Ansätze. Viel weniger zum Beispiel als die ihm ebenfalls erwähnte Amy Winehouse. Über sie zu schreiben wäre ihm wahrscheinlich eher entgegengekommen.

    Aber wie hieß es doch so schön: Spiegel-Leser wissen mehr…

  6. sehr guter Artikel!
    genau treffend und auf den Punkt gebracht!
    ich war einfach nur geschockt, als ich den Artikel im Stern gelesen habe! was denkt der sich denn??
    ist echt eine Frechheit, was Herr T. Schmitz da schreibt!!
    Amy ist eine super Sängerin mit Talent!!
    ich liebe ihr neues Lied und freue mich schon riesig aufs neue Album =)
    für die von euch, die das Lied noch nicht kennen und auch nicht auf dem Konzert waren, wie ich:
    http://www.myvideo.de/watch/7294061/Amy_Macdonald_Don_t_Tell_Me_That_It_s_Over
    ich liebe sie und das Lied!!
    LG

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