Ich geh mal zu Stoffregen (Stoffi) – Nun nicht mehr

Es ist normal, daß in dem Maße in dem man älter wird sich die Dinge um einen herum ändern. Man verläßt das Elternhaus, geht zur Uni oder in die Ausbildung, zieht in andere Städte. Einmal, zweimal manchmal noch öfter. Man lernt jemanden kennen, man trennt sich, man bleibt zusammen und oft gründet man am Ende seine eigene Familie.

Man will erwachsen sein, neues entdecken, der Enge des Elternhaus entkommen und alles anders machen. Nur eines darf sich nicht verändern, das Elternhaus und sein Umfeld. Wenn man nach Hause kommt, dem Zuhause dem man glücklich entflohen ist, dann hat das aber zu sein wie immer. Noch einmal kurz unterschlüpfen in dem alten Nest, bloß keine Veränderung. Die Veränderung findet woanders statt, dorthin wo man nach dem Besuch gerne und manchmal überstürzt hin zurück geht.

Warum ich das Alles erzähle? Weil mit dem heutigen Tag ein weiteres Relikt meiner Kindheit nicht mehr existiert. Eigentlich schon seit Ende März, aber erst heute erfuhr ich davon. Im zarten Alter von fünf zog meine Familie mit mir aus der Kleinstadt aufs Land. In ein Dorf in dem die Baugrundstücke erschwinglich waren und meine Eltern den Traum vom Eigenheim verwirklichen konnte. In diesem Dorf gab es damals noch zwei Supermärkte. Einer war ein Edeka (mit einer großartigaen Spielwarenabteilung), das andere war Stoffregen.

Stoffregen hieß so, nach dem Inhaber, Rudolf Stoffregen. Es hing eigentlich ein Schild A&O über dem Eingang, aber alle nannten den Laden nur Stoffregen. Er befand sich in einem recht alten Haus. Der Eingang zwei große schwere Holztüren mit Fenster, der Boden alte etwas schiefe Dielen. Die zugehörigen Schaufenster befanden sich ein Stück die Straße runter um die Ecke. Natürlich boten diese keinen Einblick in den Laden aber Ausblick auf das Warenangebot. Dieses war als ich in den Siebzigern dorthin zog sehr weit gefächert. Man konnte dort quasi fast alles bekommen. Erstaunlich für die relativ kleine Ladenfläche.

Stoffregen war der Laden, der wesentlich näher an unserem Heim lag, darum war er der Laden in man einkaufte. (Später war er auch der Einzige, der Edeka schloß irgendwann.)Natürlich nicht alles, aber einiges, auch damals gab es schon Aldi und günstigere Supermärkte für den größeren Einkauf, trotzdem war Stoffregen ein fester Bestandteil.

Meine erste Erinnerung bestand darin, daß meine Mutter mich bat dorthin zu gehen, alleine, damals ein große Herausforderung für mich. Auf dem Weg dorthin kam ich in eine Gruppe Halbstarke, vielleicht 15 oder etwas drüber oder drunter, die sich einen riesen Spaß machten die Zugezogene zu ärgern/bedrohen. Völlig verängstigt rannte ich nach Hause ohne die Einkäufe. Die Angst nochmal dorthin zu gehen verflog und ich besuchte den Laden regelmäßig. Anfänglich um von dem Taschengeld dort Süßigkeit stückweise zu Kaufen, Negertaler, Schnuller, Hubba Bubba und ganz beliebt Wunderkugeln. Diese riesigen Kugeln die aus mehreren chemisch schmeckenden Schichten bestanden und in deren Kern ein Kaugummi war. Für meine Babypuppe kaufte ich dort eine Nabelbinde, für mich dann Mickey Maus Hefte. Samstags holte ich dort Brötchen für die Familie. Alle holten dort Samstags Brötchen. Stoffi wurde von einer Bäckerei beliefert, die ganz tolle Backwaren hatte. Da die so gut waren, gab es natürlich wenn man spät kam nicht mehr alles. So bestellte man am Besten seine Brötchen vor. Diese wurden einem dann an der kombinierten Aufschnitt-, Backwaren-, Käsetheke überreicht.

Sehr beeindruckend war das Erlebnis als ich für eine Mutprobe, ja als die Neue, von den sogenannten Freundinnen aufgefordert wurde einer Frau die neben dem Laden wohnte, „Blöde Kuh“ zuzurufen. Ich tat so und wurde dafür später im Laden (!) gescholten. Die scheltende war die damalige Mitarbeiterin Frau Sander, die später den Laden übernahm. Bis heute hat sich ihr gegenüber ein gewisser Respekt erhalten. Nach Der Schule, die damals noch im Dorf war und zu der wir alleine hin- und zurück gingen führte der Weg oft zu Stoffi. Bei einem dieser Rückwege, ich mußte dringend auf die Toilette, stand ich bei der kleinen Spielwarenabteilung (ein Teil eines Regales) und konnte nicht mehr aufhalten und machte mir leicht verzweifelt in die Hose um dann beschämt schnell zu bezahlen und nach Hause zu eilen. Einer der letzten Sommer in dem meine Eltern noch zusammen waren, an dem ich mit meiner Mutter und meinem Bruder oft bei der einer Nachbarin zum Frühstück saß, mit Brötchen von Stoffi. Damals waren Kümmelstangen recht neu und sehr angesagt. Dann die Einkäufe nach der Trennung. Wenn ich einkaufte um was für meinen Vater meinen Bruder und mich zu kochen, zu backen oder einzuwecken. Immer auf Anschreiben. Dieses schmale hohe Buch. Später die auf Anschreiben gekauften Zigaretten, Süßigkeiten, Säfte, die vom Familienoberhaupt so garantiert nicht genehmigt waren. Die mitleidigen oder anerkennenden Blicke wenn ich mal wieder was einkaufte um Nahrung zu bereiten. Dieses offene Mitleid als meine Mutter ausgezogen war, mein Stolz, mein unbändiger Stolz der kein Mitleid wollte. Die nicht gezeigte Mißbilligung als ich, älter, mit bunten Haaren, zerfetzen Hosen oder sonstwie zurecht gemacht einkaufen kam. Stoffi, später auch Sander genannt, war dabei, war da, war nicht weg zu denken. Die Besuche daheim wurden weniger, sind selten geworden. Aber der Gedanke an das Heimatdorf beinhaltet immer den Laden. Das Letzte mal als ich dort war, ich meine mit der Tochter an der Hand/auf dem Arm war das Sortiment sehr geschrumpft. Nicht mehr so aufregend wie früher. Keine Aussteuerware mehr, kein Babybedarf, wesentlich weniger Drogerieartikel. Die Spielwaren fast nicht mehr vorhanden. Angepaßt an das Konsumverhalten der Dorfbewohner, die nun hauptsächlich in dem Supermarkt der nächsten Stadt einkaufen und dort den Hauptbedarf decken. Bei meinen letzten Reisen in die alte Heimat war wegen Wochenende niemals ein Besuch bei Stoffi dabei. Schade.

Heute rief mich meine Mutter (aus Berlin!) an um mir zu sagen, daß es morgen eine Reportage über den Laden im NDR Fernsehen geben wird und daß dieser schließen wird. Während ich die Vorankündigung auf der NDR Seite suchte, machte ich Pläne wie ich schnell nochmal in den Laden gehen könnte um dann festzustellen, daß dieser schon geschlossen hat. Wie unglaublich schade, wie traurig, ich wäre so gerne nochmal dorthin gegangen, mit beiden Kindern.

Frau Sander, ihr Mann und zwei Mitarbeiterinnen(Bild geklaut vom NDR)

Wie auch der NDR schreibt, der Laden war nicht einfach eine Einkaufsmöglichkeit, er war ein sozialer Treffpunkt an dem ausgetauscht und teilgenommen wurde. Vielleicht ist es Stoffregen zu verdanken, daß ich auch heute noch eine Vorliebe für kleine Inhaber geführte Läden habe und gerne den einen oder anderen Schnack beim Einkaufen mitnehme. Ich weiß es nicht, aber ich weiß, daß das Wissen um die Schließung mich traurig macht und ich morgen die Reportage sehen werde, vielleicht mit eins bis fünf Tränen im Auge.

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5 Antworten zu “Ich geh mal zu Stoffregen (Stoffi) – Nun nicht mehr

  1. Wie schade! Wer von uns könnte nicht alles einen ähnlichen Artikel schreiben? In meiner Siedlung war es der „Wieland“. Das werden unsere Kinder nur im Ausland kennen lernen dieses Tanteemmaladengefühl 😦

  2. Mal wieder sehr schön geschrieben!

  3. ach. dein artikel erinenrt mich an den laden in kaiserswerth, strauß genannt. nicht zu strauss innov.ation gehörend. nein, ein ich-bekomm-hier-alles- laden, indem sich meine kindheit abspielte. mit glanzbildchen und erste barbie kaufen. in der schminkabteilung rumdrücken und erste wollknäule anfassen. rausgeschmissen werden wegen zuviel radau in der süßigkeitenabteilung…es gibt ihn noch, zum glück.
    nur der alte otto-mess-laden ist jetzt ein feister schicker rewe-shop geworden.
    lg eva

  4. WIE WAHR!

    Ich hab den Anfang verpaßt, weil ich nach dem kleinen Hinweis in der Zeitung dachte, es wäre ein 5min Bericht bei Niedersachsen 19:30…. MIST.
    Komisch oder, meine Eltern haben auch nur mal erwähnt, dass der Laden zu macht, nix über die Reportage, die garantiert jeder mitbekommen hat, das Datum, die Abschiedsfeier…. So sindse, die Altvorderen. Das was einen mal wirklich interessiert erzählen sie eher nicht.

    Wo darf man heute noch in Rollschuhen auf den Dielen zwischen den Regalen rumfahren?

    Am besten war es, so viele Leute imFernsehen zu sehen, die man irgendwie kennt aber soooo lange nicht gesehen hat. Und, ich mag es kaum zugeben, manchmal vermisse ich sogar den Spielmannszug mit seinen Lieblingsliedern.

    …und der coole Pfarrer geht in die USA. Der Untergang des Abendlandes steht bevor.

    lg
    DD

  5. @DD Oh ja der Spielmannszug, Haßliebe 😉 So sehr er auch genervt hat, irgendwie hat es ja was wenn er aufmarschiert … Aber nur ganz selten. K. wußte btw von der Schließung, die hat die besser mitteilenden Eltern. Sie sagte auch, daß der Laden wieder aufmacht. Die Reportage war wirklich schön und ich hatte tatsächlich Tränen in den Augen. Grinsen mußte ich aber als Töchterchen beim Aufmarsch des Spielmannzugs fragte, was denn die Polizei da mache. Manchmal vermisse ich wirklich die Kindheit, Dich sowieso, immer 🙂

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