Vom Loslassen

Mein großes Kind ist nun 7,5 Jahre alt. Ich gehe davon aus, daß sie nicht ihr Leben lang außerhalb des Hauses von ihrer Mutter begleitet werden möchte. Erste Anzeichen dafür gibt es schon. Nicht ganz uneigennützig haben wir letztes Jahr eingeführt, daß sie am Wochenende alleine zum Bäcker gehen darf und seit einiger Zeit zu dem, noch etwas dichteren Bioladen, wenn irgendwas fehlt, was kurzfristig gebraucht wird. Auch zur Freundin um die Ecke geht sie inzwischen alleine.

Seit sie zur Schule geht reden wir Eltern immer mal wieder darüber ab wann sie alleine zur Schule gehen darf. Es sind ca 20 min zu Fuß im Kindertempo oder zwei Stationen mit dem Bus. Zum Bus muß sie keine Straße überqueren, aus dem Bus heraus muß sie über eine recht befahrene Straße um zur Schule zu kommen. Diese hat zwar einen Zebrastreifen, aber der wird von den Autofahrern nicht immer beachtet. Abgesehen von den Gefahren im Straßenverkehr, ist mir einfach noch nicht wohl bei dem Gedanken das kleine Mädchen alleine morgens loszuschicken. Wir reden also immer davon, daß sie frühestens mit 8 und dem Beginn der dritten Klasse, und dann auch nur zu zweit, den morgendlichen Weg ohne Eltern gehen/fahren darf.

Letztens nun kam auf dem Heimweg der Wunsch sie wolle nicht mit Brüderchen und mit dem Bus heimwärts. sondern mit der ebenfalls anwesenden Freundin alleine nach Hause laufen. Im Reflex sagte ich erstmal nein, dachte aber kurz nach, erfragte die Genehmigung der Freundinmutter am Telefon und schloß mit ihr einen Kompromiß. Eine Station mitfahren, dann den Rest zu zweit alleine gehen.

Im Gegensatz zur Tochter war ich recht aufgeregt und mir war ein wenig mulmig. Nach diversen Ermahnungen ließ ich die zwei schnatternden stolzen Mädel an der besagten Station aussteigen und schaute ihnen hinterher. Brav trafen die zwei dann auch einige Zeit nach meiner Heimkehr ein um gleich nochmal zum Eisladen zu gehen. Ich konnte dem Kind quasi zusehen wie sie wuchs.

Nach dieser positiven Erfahrung rief ich dann letzten Freitag im Hort an um sie zu bitten mir einen Teil des Weges alleine entgegen zu kommen. Ich traf am Treffpunkt ein und sah keine Tochter, ich rief im Hort an, sie war schon los. Ich lief mit dem motzenden Bruder auf und ab, trabte um den Treffpunkt (Spielplatz) herum und nach 15 Minuten fand ich sie. Sie war einen anderen Weg gegangen und als sie mich nicht sah, einfach weiter zur Bushaltestelle gelaufen. Mein Fehler, wir hätten bessere Absprachen treffen müssen, Notfallpläne machen und klarere Anweisungen meinerseits.

Damit wir beide nicht in so eine „Angstsituation“ kommen haben wir es dann gestern gleich nochmal probiert. Angerufen, Weg genauer beschrieben, Treffpunkt klar definiert. Diesmal klappte alles, nur kam sie mir auf dem Weg zum Treffpunkt schon entgegen, sprich sie war weiter gegangen als erwartet.

Heute werde ich sie wieder anrufen und mit ihr einen Treffpunkt ausmachen. Komisch ist es schon das kleine Mädchen alleine durch die große Stadt laufen zu lassen, wobei es sich um Strecken handelt, die nicht mal einen Kilometer betragen. Aber wie soll sie das verantwortungsvolle Verhalten erlernen wenn wir nicht trainieren. Ich das Loslassen, das Vertrauen in sie, sie das aufpassen und sich behaupten.

Gestern schlug sie vor, daß sie ja auch mal alleine nach Hause laufen kann, damit ich beruhigter bin, könne ich ja mit Abstand hinter ihr her laufen …

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12 Antworten zu “Vom Loslassen

  1. Ohja das Loslassen.
    Es fällt mir diesmal auch schwerer, als bei den großen drei und dennoch muss ich , das weiss ich .
    Zoe geht morgens meist alleine in die Schule und kommt auch mittags nach 15:00h alleine nach Hause. Unser Weg ist ca. 500m bis zur Schule, aber nicht komplett einsehbar.
    Hier ist es durchaus normal das die Erstklässler sich nachmittags, wie wir früher, zum spielen verabreden und den ganzen Nachmittag draussen sind. Soweit bin ICH aber nicht 😉 und bestehe noch auf betreutes zu Hause spielen mit Aufsicht. (ätzend diese ängtlichen alten Mütter über 40^^ ).
    Ab Sommer, wenn Zara mit dabei ist, werden sie wohl gemeinsam gehen morgens und gemeinsam nach Hause kommen.

    Liebe Grüsse
    Sabine

    • Alleine zur Schule, alleine zum Spielen, ohne Aufsicht, ja so war das bei mir damals auch. Aber ich komme vom Dorf 😉 Und dann beim eigenen Kind die Probleme mit dem Loslassen haben.. ist aber auch ne große Stadt hier, so 🙂

  2. Der Junior geht an sich alleine zur Schule. Allerdings ist die nur zehn Kinderminuten entfernt. Im Winter bin ich wieder mitgegangen, weil es einfach dunkel war. Ansonsten steht die Abmachung ab der dritten Klasse, mit eigenem Schlüssel hin- und zurückzugehen. Mache das aber von der Schlunzigkeit des Kindes (Stichwort: Turnbeutelvergesser) abhängig.

    • Klar, man kann das immer nur individuell entscheiden. Bisher ist die Tochter recht zuverlässig, warten wir es ab. Wenn sie acht wird ist ja auch Sommer und es ist morgens hell, da kann man es vielleicht wagen 😉

  3. Ich muss ja das große Kind auch allein Bus fahren lassen – und von der Bushaltestelle allein zur Schule, und mir war anfangs äußerst mulmig dabei. Letztens ist er allein mit seinem Freund in einem anderen Bus in einen anderen Ort gefahren (also der Freund wohnte dort), und ich musste erst mal bei der Mutter anrufen, ob er auch angekommen ist (blöde neurotische Mutter ich …). Hier läuft derzeit jemand herum, der Kinder aus Autos heraus anspricht, da muss man noch mehr mit dem Beschützerinstinkt kämpfen, ob man das Kind nicht doch lieber wieder ins Tragetuch packen sollte 😉 …

    • Also ich finde die Vorstellung der Großen im Tragetuch amüsant, manchmal möchte man das, ja *seufz* 🙂 Ich bin der Ansicht, das Kind bekommt ein Kinderhandydingens wenn sie alleine unterwegs ist. Gibt da so zusätzliche Optionen zu meinem Tarif. Was ich daran besonders gut finde, die Nummer von mir/zu Hause/Papa kann immer angerufen werden, auch wenn das sonstige (Prepaid) Guthaben verbraucht ist.

      • Ja, der Große hat auch das abgelegte Handy vom Papa dabei und kann damit gebührenfrei telefonieren. Aber in der Mütter-Phantasie reicht auch das Handy nicht …

  4. Hallo Sybille,

    ich bin in Berlin aufgewachsen. Bei uns gab es die Regel „Niemals alleine!“ Immer mit einem Freund oder einer Freundin. Morgens haben wir uns gegenseitig abgeholt und nachmittags gegenseitig abgeliefert. Eine Freundin wohnte tatsächlich um die Ecke, somit konnten wir uns an der Ecke verabschieden und sehen bis zur Haustür.
    Auch hat meine Mama ein Codewort eingeführt. Sollte ich mit jemanden mit ( auch wenn ich denjenigen kannte) musste er das Geheimwort sagen. Ansonsten habe ich mich auch noch mit 8 auf den Boden geschmissen und Alarm gemacht. Mama hat es schließlich gesagt. 😉

    Mit dem Fußgängerüberweg ist halt wirklich blöd, weil da kann man nicht schützen nur hoffen.

    Alles Liebe
    Stefie

  5. OMG, so als Newbie macht mir diese Vorstellung Angst! (#Sohnemann ist 2, #Prinzässchn ist 0,3)

    😉

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