Heimat

Und dann sitzt Du im Auto, neben Dir der Ehemann, auf den Rücksitzen die Kinder, auf der Straße die Du gefühlt millionenfach gefahren bist und plötzlich steigen die Tränen auf. Erst verhalten, dann ununterdrückbar. Mit Rücksicht auf die Familie schluckst Du sie runter. Jede Frage nach dem „Warum und Wieso“ jeder Versuch zu trösten wäre jetzt verkehrt.

Ihr erreicht die Kleinstadt, die, wo an jeder Ecke eine Erinnerung lauert und die Tränen hören einfach nicht auf. Bilder rasen ungefiltert durch den Kopf. Erinnerungen, die nicht präsent schienen schaffen sich Raum. Dort geht es zu der Straße in der ihr wohntet als Dein Bruder geboren wurde. Gleich um die Ecke wohnt die mütterliche Freundin. Da standest  Du immer zum trampen, wenn Du nach Hause ins Dorf wollte. Hier den Weg hoch mußtest Du fahren als Du bei der KriPo eine Aussage machtest um dann danach eine fette Beule in Dein kleines Auto zu dengeln. Dahinten, da gehts zum Gymnasium, welches Du ab der Elf so stolz besuchtest. Dort in die Innenstadt, wo Du so oft mit Papa einkauftest, wo Du genauso oft kopflos rumliefst, häufig vor Liebeskummer, auf der Suche.

So sitzt Du da und versuchst weiter die Tränen zu verbergen während Du Dich fragst wieso jetzt, wieso so plötzlich. Bist Du nicht lang genug weg, liegt nicht alles weit genug hinter Dir. Hattest Du nicht auch Spaß. Warst Du nicht auch glücklich.

Heimat, der Ort, die Region in der Du dutzende Metamorphosen durchmachtest, die Kinderschuhe gegen die (zu) großen eintauschtest, einige Frösche zu küssen versuchtest, einige küßtest. Dort wo es Dir irgendwann zu eng wurde und Du raus wolltest, in die Welt zogst, Platz finden für all die Träume und Ideen.

Und dann fährst Du da lang und alles zieht ungefragt an Dir vorbei und stellst fest, egal wie oft Du Dich gehäutet hast, egal wie groß die Flügel geworden sind, wie weit weg Du gingst, die Heimat mit allem Gelebten klebt für immer an Dir. Wie ein Stück Cocon der sich nicht vom Flügel schütteln läßt, wie ein hartnäckiges Kaugummi unter dem Schuh. Irgendwo in Dir drin, bleibst Du immer ein wenig der, der Du warst, der Du nicht mehr sein wolltest.

Und Du guckst Deinem jungen Ich über die Schulter, siehst die Träume und Ideale von damals, den Schmerz, die Verluste, die Freude, den Optimismus, die Verzweiflung und das Glück und vor allem die Liebe, die die Du gesucht hast, die die Du bekommen hast aber auch die die unerreichbar war. Und alles wirbelt und rational nicht greifbar fließen die Tränen.

Dann reißt Du Dich zusammen, blickst noch einmal wehmütig auf die Träume die Du nicht erreicht hast, blinzelst nochmal und katapultierst Dich zurück ins Hier und Jetzt. Versprichst Dir nicht aufzugeben um wenigstens einen Teil der damals  gesetzten Ziele zu erreichen, schüttelst Dich, küßt sanft Deine Kinder auf den Kopf und schaust nach vorne.

Advertisements

5 Antworten zu “Heimat

  1. Ja, und kenn ich alles genauso, vermeide manchmal, wenn ich dünnnervig gefusselt bin, dann die Orte der Jugend und fahr schnurstracks zu Muttern, die bald wieder in der alten Nachbarschaft wohnt…

  2. Siehste, und zu allem Überfluß bist Du auch noch mit mir verheiratet. 🙂

  3. Tja, Erinnerungen kommen plötzlich, gehen wieder und einiges wird auch auf dem Weg durch Vergangenheit vergessen. Ich kann mich an genügend Spaß erinnern, der in den selben Straßen stattfand.
    lg
    DD

  4. puustekuuchen

    toll geschrieben !
    so erlebe ich es auch, wenn ich nach langer Zeit mal wieder in die Heimat komme. Und trotzdem würde ich aber nicht zurückwollen, denn es wär nicht mehr dasselbe wie früher.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s