Lego Friends für Mädchen – Ein emanzipatorischer Alptraum?

Vor einigen Wochen hat unsere Tochter dank Wolfgang bzw. seinem Arbeitgeber zum Testen ein großes Paket mit Produkten der neuen Lego Friends Linie bekommen. Eigentlich wollte ich dazu etwas geschrieben haben: die Freude, die Spannung und über den Spaß beim Aufbauen und damit Spielen. Bevor ich aufgrund von Geburt und der ersten Babyzeit einen solchen Artikel verfassen konnte, erschien in der SZ ein Artikel, der diese Produktlinie in Grund und Boden kritisiert.

Ich las, lies die Kinnlade runterklappen und wurde wütend.

„Das Ergebnis ist ein emanzipatorischer Albtraum: Die zentralen Figuren, die Freundinnen Mia, Emma, Andrea, Olivia und Stephanie, leben in „Heartlake City“, einem Gender-Ghetto in Pink und Lila. Für die realen wie die Plastikmädchen gibt es nichts weiter zu tun, als Kuchen zu backen, in den Schönheitssalon zu gehen und sich um die Pferde zu kümmern.“

So der Autor Christopher Pramstaller.

Ich verstehe das richtig, ja? Wenn ich meine Tochter, äh Töchter mit diesen Produkten von Lego spielen lasse, dann werden sie zu unemanzipierten Mädchen denen außer der eigenen Optik, Gebäck und Tieren nichts am Herzen liegt? Bullshit, ganz großer Bullshit.

Ja die Themen sind solche, die zumeist weiblich besetzt sind, auch werden lila und pink häufiger von Mädchen als von Jungs als Lieblingsfarbe gewählt. So what?

Es handelt sich um eine Themenwelt die vorrangig weibliche Kinder ansprechen soll. Auch die bisherigen Lego Produkte sollen Mädchen ansprechen, doch sind es meist Szenarien die eher auf die Interessen von Jungen abgestimmt sind. Feuerwehr, Star Wars, Technik, etc.

Ich streite überhaupt nicht ab, daß es nicht auch Mädchen gibt die großes Interesse an diesem bisherigen Sortiment haben, aber ich stelle auch fest, daß ab einem gewissen Alter, Mädchen einfach, gerne in Mädchenwelten spielen.

Unsere Tochter wuchs die ersten 1-2 Jahre ohne rosa-flüsch-Herzchen-Umgebung auf. Wir waren zu sehr dagegen sie von Anfang an geschlechtsspezifisch durch Farbe oder Auswahl der Spielzeuge zu beeinflussen.

Es gab Klamotten auch aus der Jungsecke, Brio-Bahn und einen Flughafen von Duplo. Gleichzeitig gab es auch Puppen, Plüschtiere und hier und da ein Kleidchen.

Ab dem Zeitpunkt als die kleine Dame ihre Garderobe verbal mitbestimmen konnte, mußte es Pink sein, Rosa oder auch Lila, aber bitte kein Blau und keine Jungsfarben und die von den Eltern bevorzugten Hosen (im Alltag praktischer) waren auch doof. Es wurde sich eigenständig (!) tagsüber mehrfach neu angezogen, je mädchenhafter um so besser.

Dies wurde weder von uns initiiert, beeinflußt noch unterbunden. Wir sind und waren der Ansicht, sie darf sich in ihrer Geschlechterrolle selber bestimmen, solange es altersgerecht ist und sie ausreichend bedeckt.

Barbie, Lilifee etc. sind keine Spielsachen, die die hiesigen Eltern großartig finden, gerade beim ersten Kind ist man ja noch so pädagogisch wertvoll. Und mir als Mutter gefiel einiges der von den Spielsachen vermittelten Werte nicht, aber mir war auch klar, je mehr ich das verbiete oder verweigere so interessanter wird es. Also gab es diese auch in vertretbarer Menge.

Unter dem Strich kann man sagen, unsere Tochter wuchs mit geschlechtsneutralem, sogenannten Mädchen- und sogenanntem Jungsspielzeug auf. Jetzt ist sie gut 8 Jahre alt und ein richtiges Mädchen. Sie liebt Schminke, Klamotten, Popstars, tratscht schonmal über Jungs, ist tierlieb und backt gerne mal mit uns. Diese Vorlieben hat sie selber entwickelt, trotz des „geschlechtsneutralen Angebots sowohl von Bekleidung als auch Büchern oder eben Spielwaren.

Es ist  nicht so, daß ich ihr ein ausgeprägtes Mädchen-Image vorlebe, eines wo sich jeden Tag geschminkt wird, die Bekleidung sehr feminin geprägt ist oder Mama ihre Erfüllung in der Kindererziehung und dem Haushalt sieht. Sie hat diese Vorlieben aus sich raus entwickelt. Und das ist der Punkt, Kinder entwickeln ihre Vorlieben eigenständig, egal was man ihnen anbietet. Und ich sehe einfach immer wieder, das die meisten Mädchen oder Jungs in meinem Umfeld auch ohne elterliche Beeinflussung mehr oder weniger zu sogenannten geschlechtsspezifischen Verhalten oder Interessen tendieren.

Laut dem Artikel hat Lego Marktforschung betrieben, um gezielt weibliche Kinder anzusprechen und wenn das dabei rausgekommen ist, daß Mädchen gerne solche Produkte zum Bespielen haben wollen, warum nicht?

Wird meine Tochter weniger emazipiert, weil sie damit spielt? Wird sie in eine Rolle gedrängt, die dem der modernen Frau nicht mehr entspricht? Wird mein Sohn schwul, weil er sich mal von mir die Nägel lackieren lassen wollte (und bekommen hat). Wird meine Tochter eine devote Hausfrau, weil sie sich gerne mit Babys und kleinen Kindern beschäftigt, Tiere liebt und gerne beim Backen hilft? Wird aus meinem Sohn kein „richtiger“ Mann, weil er gerne kuschelt und beim Kochen mithilft? Ich glaube wohl kaum.

Was aus unseren Kindern wird, ob sie emanzipierte, selbständige und selbstbewußte Menschen werden,  die innerhalb oder außerhalb einer engen Geschlechterrolle leben, bestimmen immer noch wir, die Eltern. Dazu gehört ebend auch sie sich komplett in der einen oder anderen Rolle aufgehen zu lassen, den Vorlieben gerecht zu werden ohne das andere auszuschliessen.

Wenn Mädchen aus dem Alter der Zielgruppe in diesem Alter Pink und Lila bevorzugen, wenn sie nunmal gerne mit einer Tierklinik oder einem Schönheitssalon spielen, dann wäre Lego schön blöd, diesen Markt komplett der Konkurrenz zu überlassen und zum anderen, laßt doch die Mädchen Mädchen sein. Wenn wir sie weltoffen erziehen werden sie im Erwachsenenleben so oder so „ihren Mann“ stehen.

Abschliessend sei noch erwähnt, daß beim Auspacken und Aufbauen und dem ersten Bespielen der jüngere Bruder mit Feuereifer dabei war und in den letzten Wochen die Beiden um die Wette Raumschiffe bauen, jetzt halt auch mit pinken und lila Steinchen dazwischen.

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6 Antworten zu “Lego Friends für Mädchen – Ein emanzipatorischer Alptraum?

  1. Man kann es auch übertreiben. Meine Töchter haben auch Autos und Brio… aber auch rosa Legosteine, Puppen und eine Kinderküche. Ich würde Ihnen aber nicht extra Jungssachen anziehen, um „was auch immer rauszufinden“!???

    Das mit der Lego Friends Kollektion mag stimmen… aber es zwingt Dich ja niemand es zu kaufen. Es gibt im Spielzeugmarkt genügend Alternativen. Das ist das schöne an der Marktwirtschaft – jede Zielgruppe kann bei genügend Reichweite bedient werden. Dank Globalisierung & Internet, findet sich die auch für ehemalige „Randthemen“.

    • Wir haben unserem Kind nicht extra Jungensklamotten angezogen, das hast Du falsch verstanden, wir haben nur keinen Rosaglitzerplüschzwerg aus ihr gemacht und darum auch in der Jungensabteilung gekauft.
      Und ich weiss nicht was Du aus dem Artikel gelesen hast, ich finde das Lego Friends Zeug gut, da es momentan meine große Tochter dort abholt wo sie mit ihren Interessen steht.

  2. Ich sehe auch kein negativ Potential bei diesem Spielzeug, Lego bemüht sich ja redlich eben nicht die Standard Klischees aufzufahren. Um das Bild des typischen Mädchens aufzubauen gibts ganz andere Dinge, die viel viel schlimmer für die emanzipatorische Entwicklung sind 😉

  3. Ich habe die neuen LEGO Friends noch nicht mit meiner Tochter ausprobiert, sehe es aber ähnlich undogmatisch wie Du. Ich glaube nicht, dass Mädchen automatisch zu Hausfrau-meets-Topmodel-Gender-Sterotypen mutieren, nur weil sie mit rosa Mädchen-Lego spielen.

    Unsere Tochter hatte im Kindergarten eine extreme Nur-Kleidchen-Politik gefahren, gegen die wir mit nix, ausser massiven Frosttemperaturen angekommen sind. Dabei hat sie das Kleid allerdings auch nie davon abgehalten, auf Bäume oder sonst etwas zu klettern oder zu toben. Jetzt wird sie bald 10 und kann die Farbe Rosa zum Tod nicht ausstehen.

    Wir haben die LEGO Prinzessinnen Produkte als Vorgängerinnen der LEGO Friends im Einsatz, mit Blümchen, rosa Steinen und Gedöns, allerdings sind die den Weg allen Legos gegangen und befinden sich jetzt im großen Steinemix zusammen mit Star Wars Minifiguren, Mars Explorern und was weiß ich nicht alles. Die Prinzessinenschlossplatte wird liebend gerne von unserem Sohn als Verlies umgebaut und Ahsoka Tano kämpft sich den Weg durch das Eisschloss frei.

    Aus meinen Erfahrungen würde ich allerdings nicht sagen, dass es einzig in unseren Händen als Eltern liegt, was aus unseren Kindern wird. Hier habe ich gelernt, dass mein Einfluss im Vergleich zur Peer-Group der Freundinnen doch relativ gering ist und mit jedem Lebensjahr weiter sinkt. Wir können hier nur mit Anregungen und Ermutigungen wirken. Aber ein Spielzeug hat meiner Ansicht nach keine Chance gegen die Fantasie eines Kindes.

    • OK den Einfluß der Freundinnen (Und auch der Werbung und des Marketings) habe ich in meine Überlegungen nicht mit einbezogen. Ich sehe aber was meine Große an Beeinflussung mitbring und noch schaffe ich es aber mit ihr darüber zu sprechen und auch Kritik anzubringen wenn ich finde, daß manches davon blöd oder stereotyp ist. Ich erkläre ihr meine „Bedenken“ oder meine Meinung und sie scheint das zu durchdenken, denn oft kommt dann irgendwann ein zustimmendes Verhalten von ihr zurück. Das ist vielleicht der „Vorteil“ als Mutter und somit „Rolemodel“, gegenüber einem Vater. 🙂

  4. Meine Schwester hat bei Ihren Kindern ähnliches versucht. Aber in einer Welt, in der der Papa mit dem Auto zur Arbeit fährt und verschwitzte Bauarbeiter große Maschinen bedienen und sich die Mama um die Kinder kümmert, sind die größten Rollenvorbilder einfach schon mal besetzt.

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