Mein Sofa

Als ich noch klein und kein Scheidungskind war, fuhr ich öfter mit meinen Eltern zu meiner Oma mütterlicherseits. Die wohnte in Hessen. Das Untergeschoß eines Mehrfamilienhauses war ihr zu Hause. Zu ihrer Hochparterrewohnung gehörte auch ein recht großer Garten in dem unter anderem mit die ersten Laufbilder von mir entstanden.

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In den Garten kam man durch die Tür des Wohnzimmers. Wortwörtlich dem Wohnzimmer, denn dort spielte sich, außer in der Küche, das Leben bei Oma ab. Die gute Stube die sich dem Wohnzimmer anschloß wurde weniger genutzt. Im Wohnzimmer stand der Fernseher, der runde Eßtisch und eben das Sofa.

Dort saß ich wenn wir dort waren, immer in der Mitte, denn ich war ja noch ne halbe Person und die anderen Erwachsenen, Eltern, Tanten/Onkel sollten auch irgendwo sitzen. Wenn wir zu Besuch waren schlief meine Oma auf dem Sofa und gab ihr Ehebett einem der anwesenden Paare. Morgens saß sie dann am Eßtisch, mit ihrem kleinen Standspiegel und ihrem Styroporkopf, vielen Haarnadeln und machte sich ihre Perücke zurecht. Gerne saß ich dabei auf dem Sofa und schaute zu.

Häufigster Grund auf dem Sofa zu sitzen waren jedoch die Mahlzeiten. Frühstück, Kaffee trinken (mit ihrem leckeren Schmandkuchen), Abendbrot (mit ebenfalls leckerem hessischem Brot und Wurscht). Und so lange ich mich erinnern konnte trank ich bei Oma immer Caro aus der roten Kunststofftasse mit der schwarzen Katze die eine gelbe Schleife um den Hals hatte. Leider ging diese Tasse bei dem letzten Umzug meiner Oma vor ihrem Tod verloren.

Wie dem auch sei, ich habe viele Erinnerungen mit um und an das Sofa und Bilder im Kopf wie irgendwer aus der Familie dort mit oder ohne mir sitzt. Bilder die auch im Fotoalbum sind, leider erkennt man da von dem Sofa nicht viel.

Nach dem meine Oma verstarb landete das Sofa samt Tisch und Stühle bei meiner Mutter. Irgendwann trennte sie sich von dem Tisch und den Stühlen und 2005 gab sie das Sofa an mich weiter. Sie hatte es zwischenzeitlich mit einem pflegeleichten, eher nicht so hübschen Stoff beziehen lassen. Das störte mich erstmal nicht, hatte ich doch jetzt das Familiensofa. Nachdem ich zuvor nur meine alte Studentenmatratze hatte, war es purer Luxus nun ein Sofa „für mich alleine“ zu haben.

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Es wurde die Kommandozentrale, auf der ich saß, strickte, mein erstes Kind beaufsichtigte, den positiven Test für Kind 2 abwartete, am Rechner saß und die Familie organisiert. Nach dem Umzug ins Rheinland saß ich oft traurig auf dem Sofa und hatte Heimweh. Die Wehen zu Kind 2 veratmete ich auf dem Sofa. Kehrte mit Söhnchen zu diesem Sofa zurück, der sein Stillkissen dort platziert bekam. Saß plötzlich mit zwei Kindern auf dem Sofa. Kehrte mit dem Sofa nach Hamburg zurück. Verweigerte eine Auslagerung in die Diele, weil es doch schon so abgeranzt sei. Nutzte es weiter als mütterliche Kommandozentrale. Nutzte es während der Examenslernerei als Entspannungsort, las Stellenanzeigen, Absagen,brütete das dritte Kind in meinem Bauch, bis ich auch die Wehen zu Kind 3 dort veratmete und mit der Babytochter aus dem Krankenhaus zurück kam. Wieder ein Kind das sein Stillkissennest auf dem Sofa gerichtet bekam.

Ich hab schon viel mit dem Sofa erlebt. Es ist mein Herzensmöbel. Nur einen Wunsch konnte ich mir lange nicht erfüllen, den Bezug austauschen und das gute Stück aufarbeiten lassen. Immer wenn es schien, es würde finanziell passen kam doch etwas dazwischen. Bis jetzt.

Im November begann ich die Planung. Suchte mir einen Polsterer und einen Stoff. Die Stoffsucherei dauerte ein bischen, ich entschied mich dann für ein entschiedenes Himbeerrot. Das Sofa wurde abgeholt und ich verfiel  zur großen Freude des Nachwuchses nochmal ein bischen ins Studentenleben zurück, als statt des Sofas eine Matratze samt Kissen ins Wohnzimmer zog.

Kurz vor Weihnachten kam mein Schätzchen zurück und ich war erstmal etwas geblendet von der Farbe, doch inzwischen bin ich begeistert und freu mich immer noch sehr, daß ich es endlich geschafft habe das gute Stück aufarbeiten zu lassen.

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Ich hoffe im neuen Gewand wird es mir/uns noch viele Jahre Freude machen. Laut Polsterer hat es zumindest eine hervorragende Qualität, die heute so nicht mehr zu erreichen ist.

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6 Antworten zu “Mein Sofa

  1. Super toll, ein wirklich schönes Stück…und die Farbe gefällt mir auch!
    Ich trauer heute noch so einem Modell in petrol hinterher, was ich mal auf dem Sperrmüll fand, es aber wg platzmangels und Transportdefizit stehen lassen musste!!!!!

  2. Ich finde es toll, wenn es solche „Familien-Möbelstücke“ gibt. Bei meiner Freundin gibt es einen Stubenwagen, in dem alle Kinder der Familie während er ersten Wochen/Monate schlafen. Ab und an bekommt er neue Bezüge und wird in Stand gesetzt, aber es ist der Familien-Stubenwagen.

    In meiner Familie gibt es etwas vergleichbares (noch) nicht, deswegen werde ich immer neidisch bei so Geschichten wie deiner und das Himbeerrot ist super!

  3. Das ist ja wunderschön!

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