Nachschlag – Gedanken zu Müttern, Berufstätigkeit und meinem Wutposting

Überwältigt, das ist das erste was mir einfällt wenn ich an meinen Eintrag über den SpOn Beitrag denke. Überwältigt von den Zugriffen, der Veröffentlichung auf stern.de, den Rückmeldungen und den Diskussionen die darüber aufkamen. Danke. Es zeigt mir, ich bin nicht alleine mit meiner Wut, meiner Ratlosigkeit und meiner Situation.

Nach der Veröffentlichung habe ich einen Teil der Diskussionen eher passiv verfolgt, Kommentare hier gelesen und viel nachgedacht. Ich möchte nichts von dem was ich schrieb runterspielen oder entschuldigen, aber mir ist bewußt, daß ich nur sehr subjektiv für meine Situation geschrieben habe und es anderen ähnlich und doch ganz anders geht. Ich versuche mal meine Gedanken und Ergänzungen halbwegs sortiert nachzutragen.

-Wenn ich mich als hochqualifiziert bezeichne, dann möchte ich damit nicht meine akademische Ausbildung betonen (abgesehen davon, daß ich auch einen Beruf erlernt habe), sondern einfach nur klarstellen, daß ich etwas gelernt habe, was mich zu Tätigkeiten außerhalb Heim und Herd befähigt.

-Hochqualifiziert ist außerdem ein Begriff den die nette Dame für Wiedereingliederung des Arbeitsamtes verwendete als sie über mich mit mir sprach. Ein Begriff, der mich erst stutzen ließ, mir dann aber zwei Dinge bewußt machte. Zum einen, daß ich tatsächlich qualifiziert bin für einen Beruf (und somit ist es jeder mit einer Ausbildung jeglicher Art, nicht nur diejenigen die eine Universität besucht haben) oder und zum anderen, daß ich das oft vergesse, denn viele Absagen führen zu viel Zweifeln an sich.

-Hochqualifiziert meint auch nicht, daß ich es verdient habe sofort auf eine top nodge Stelle gesetzt zu werden. Meint aber doch, daß ich trotz geringer Berufserfahrung qualifiziert genug bin eine Chance zu bekommen um zu beweisen, daß ich das was ich erlernt habe anwenden kann.

-Genau wie die Autorinnen des SpOn Artikels im Grunde nur eine privilegierte Zielgruppe angesprochen haben, genauso privilegiert bin ich auch. Ich habe das Privileg, daß meine Arbeitslosigkeit das Familieneinkommen nicht nachhaltig belastet. Wir hungern nicht, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir können uns mal was erlauben, wir sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht darauf angewiesen, daß ich auch Geld verdiene.

-Die Frauen die darauf angewiesen sind den Familienunterhalt (mit) zu verdienen stehen oft vor dem gleichen Problem und diese trifft es deswegen noch härter. Selbst wenn sie schnell nach der Kinderzeit wieder arbeiten wollen.

-Auch wenn es mich jetzt finanziell nicht besonders trifft kein eigenes Einkommen zu haben, trifft es mich spätestens im Renten- und/oder Trennungsfall. Darum kann man auch nicht sagen, es sei ein Luxusproblem der gelangweilte Hausfrau aus der Mittelschicht wenn diese keine Arbeit bekommt. Abgesehen davon kann der finanzielle Hintergrund kein Argument dafür sein ob man es „verdient“ eine Berufschance zu bekommen.

-Ich werde nicht darauf eingehen, daß es Menschen gibt, die der Ansicht sind, die Kinder leiden unter einer berufstätigen Mutter und/oder Fremdbetreuung. Nur mal so gefragt, was sollen denn dann die Mütter machen, die für das familiäre Einkommen arbeiten müssen? Keine Kinder bekommen?

-Ja es gibt die Frauen die gleich nach der Geburt oder etwas später sofort in ihren Beruf zurück gehen (können), die die Problematik nicht verstehen. Glückwunsch.

-Ja es gibt den Trend, daß jeder der eine Handarbeit halbwegs ausüben kann versucht damit Geld zu machen, in dem er die Produkte verkauft. Ob ich das gut finde? Nicht in jedem Fall. Es gibt die Frauen die das oder die Kinder als Ausweg aus dem gewählten Beruf sehen, es gibt die Frauen die gerne nur noch in Familie machen, die ihr Heim dekorieren bis es keine freie Stelle mehr gibt, die saisonal (ein)kochen, backen, konservieren, fünf Gänge Menus zaubern. Genauso gibt es die Frauen die sich so oder anders kreativ betätigen um sich zu entspannen. Es gibt die Frauen die den Beruf nur als Warteposition ansehen bis ihnen jemand die Verantwortung abnimmt selber Geld zu verdienen. Es gibt Frauen die keine Kinder wollen/haben. Es gibt Frauen die Kinder wollen und diese ganz klein zugunsten des Berufs in Betreuung geben. Es gibt dies und vieles vieles mehr. Und alle diese Alternativen sind okay, es sind die Entscheidung jeder Einzelnen was sie wie mit ihrem Leben macht, so lange sie die Entscheidung freiwillig trifft. Und die mangelnde Freiwilligkeit von weiblichen Lebenssituationen bezüglich Beruf und Familie, die prangere ich an, immer, immer noch, immer wieder.

-Und mag ich mich auch hier und dort vielleicht mal spöttisch oder mit Unverständnis über gewählte Lebensformen äußern, so steht es mir nicht zu darüber zu urteilen. Genau so wenig steht es anderen, sprich den Autorinnen des Artikels auf SpOn zu darüber zu urteilen für welchen Weg eine Frau sich entscheidet. Und diesen Respekt für die freiwillige Entscheidung den erwarte ich nicht nur von Frauen untereinander, sondern von allen Menschen. Auch wenn bei diesem Thema oft das Stichwort Frauensolidarität fiel, es geht um die generelle Akzeptanz des/der Anderen. Und genau diese Akzeptanz fand in dem besagten Artikel nicht statt.

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6 Antworten zu “Nachschlag – Gedanken zu Müttern, Berufstätigkeit und meinem Wutposting

  1. Ganz klar mein Lieblingssatz: „Und die mangelnde Freiwilligkeit von weiblichen Lebenssituationen bezüglich Beruf und Familie, die prangere ich an, immer, immer noch, immer wieder.“ Genau richtig, die muss frau auch anprangern, und da prangere ich gern mit.
    Aber dass Du die Männer so leicht vom Haken lässt, leuchtet mir nicht ein. Kinder großziehen erfordert Zeit, und die müssen die Eltern neben der Berufstätigkeit irgendwie aufbringen. Deshalb brauchen wir erstens mehr Männer, die (zeitweise) im Beruf zurückstecken – und zweitens viel mehr gute, interessante Jobs mit Entwicklungsmöglichkeiten UND 30 Wochenstunden. Dann wird das was.

  2. Danke! Das setzt den ganzen subjektiven Rundumschlag-Wutwellen etwas entgegen.
    Und schön, dass es um Menschen im Allgemeinen geht. Das Ganze auf Frauen sollten gut (zueinander) sein und die Männe sind die Bösen ist eine fiese kleine Falle, die die Diskussionen schnell von Gesellschaftskritik in den „Zicken unter sich“-Bereich abdrängt. Da haben dann alle gewonnen, die den Status Quo ganz ok finden.

  3. „hochqualifiziert“ bedeutet auch, dass der Staat und damit der Steuerzahler viel Geld in unsere Ausbildung gesteckt hat. Eigentlich müsste aus volkswirtschaftlicher Sicht ein großes Interesse daran bestehen, dass auch Frauen mit Kindern arbeiten. Eigentlich …

  4. Liebe Sibylle Rost, ich arbeite als freie Redakteurin und recherchiere aktuell für einen TV-Beitrag zum Thema „Kind und Karriere“. In diesem Kontext bin ich auf Sie und Ihren Blog aufmerksam geworden. Gibt es die Möglichkeit, Sie per Email oder telefonisch zu erreichen? Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns in Ruhe darüber unterhalten können.

    Danke und viele Grüße,
    Natalie T.

  5. Danke für Ihre „Wutansage“ in Ihrem Blog. Genau das Gleiche erlebe ich auch immer wieder und dabei habe ich bereits zwei Berufszweige, in denen ich mich bewerbe und auch arbeiten kann. Aber mehrere Kinder und dann auch noch „Sie wohnen so weit weg“ (Fahrstrecke 40min; die haben doch viele!!), nein, dann können wir sie leider nicht einstellen.
    Es hat gut getan, das Ganze auch von jemand anderes zu lesen.
    Danke!
    L.W.

  6. Danke ich habe genau die gleiche Geschichte Studium Berufserfahrung aber ein Kind..der tolle Satz in Vollzeit könnten Sie den Vertrag sofort unterschreiben. Aber Teilzeit mit Ihrer Qualifikation geht leider nicht. Ich kann es nicht mehr hören, ich liebe mein Kind und will es selbst aufziehen (auch wenn es unmodern gilt)

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