Die Mutti-sierung

Es liegt in der Natur der Dinge, daß man mit dem ersten Kind einen Kulturschock erlebt, der das bisherige Leben komplett auf den Kopf stellt. Alles ist neu, alles ist anders. Man ist so überwältigt, daß man komplett aufgeht in der Rolle des absoluten Versorgens. Die eigenen Bedürfnisse, die eigene Persönlichkeit stehen hinten an. Körperpflege, Schlaf, Nahrung nur in kleinen Stücken wenn es denn grad paßt. Im Rahmen der allgemeinen Verunsicherung und der alles bestimmenden Babybedürfnisse sucht man sich gleichgesinnte, mitleidende, sprich andere Mütter. Man geht in Babykurse, tauscht sich aus, nimmt Erfahrungen mit und wieder zu Hause sucht man sich „Begleitung“ in Foren (so bei K1) und neuerdings in Blogs und Twitter. Das ist toll, wenn man die Informationen gefiltert und reflektiert liest. Das ist ein unglaublicher Pool an gesammeltem Wissen und Empathie, die einem ansonsten fehlen, da wir nunmal nicht mehr im Dorf in der Großfamilie leben.

Mit der Zeit wird man gelassener. Das Kind wächst, gedeiht, entwickelt sich. Man findet sich in der neuen Rolle zurecht, ist sicherer, routinierter und bekommt seinen Alltag besser bis normal wieder hin.  Was bleibt ist der Aufenthalt in den Muttikreisen online, dem Mutti-versum wie man so schön sagt. Man hat den Fokus weniger auf die Unsicherheiten in der Brutpflege sondern tauscht sich aus. Auch das ist toll, denn nach der Babyphase kommt die Krabblerphase, die Trotzphase, die was weiß ich Phase, irgendeine Phase ist ja immer. Unterstützung und Austausch ist dabei immer gut. Die Themen werden breiter, nach Stillproblemen, wunden Hintern, Reflux, dem angemessenen Schlafplatz, Koliken und der richtigen Tragehilfe kommt das pädagogisch richtige Spielzeug, die angemessene Beschäftigung des wachsenden Nachwuchses, die Eingewöhnung in die Betreuung, die schönsten Brotdosen. Irgendwer hat immer eine Meinung, meistens haben die meisten anderen die dann auch und man ist sich irgendwie einig. Sind die Kinder dann mal etwas selbständiger werden die meisten Mütter kreativ (ja ich auch, aber das war ich schon vor den Kindern), es wird genäht, gebastelt, dekoriert was das Zeug hält. Gekocht, gebacken, gestrickt, alles für das Heim, das Kind, die Familie. Prinzipiell alles super, ehrlich, aber ist das alles?

Wo ist denn die Frau geblieben, die existierte bevor das oder die Kinder kamen? Was ist mit dem Menschen der Interessen hatte? Ja Kinder sind konsumierende kleine Blutsauger die die letzte Energie aus einem lutschen. Trotzdem.

Hallo, Sex, Drugs Rock’n Roll. Was ist damit?

Sex ist nur Thema, wenn es um den passenden Zeitpunkt zur Fortpflanzung geht oder angedeutet, natürlich nur mit dem Einen, dem Besten, dem eigenen Mann. Äh, ist mit der Partnerschaft und der Geburt eine Scheuklappe verteilt wurden, die man bei mir vergessen hat. Hell yeah, ich finde auch immer noch andere Männer attraktiv und kann das aussprechen ohne in den Boden zu versinken. Gewisse Konsensgründe belassen es dann dabei 🙂 Aber ja, ich bin neben der Mutti auch noch die Frau, der Mensch der mehr empfindet als Mutterliebe.

Drogen sind dann zwar auch nicht so meins, den Sekt oder anderes Prickelwasser finde ich widerlich und auch ansonsten habe ich  den Alkohol aus meinem Leben gestrichen, sitze also abends nicht mit dem Einen, dem Besten am Küchentisch und sinniere bei einem Glas Wein über den Tag mit den Kindern. Aber im Grunde meint Drogen ja auch nur das mal enthemmte loslassen und sich dem Rausch des Moments hingeben.

Musik, ja Musik. Es gibt mehr als Schlaf- und angemessene Kinderlieder über die man sich austauschen kann. Musik die berührt, die einen ausflippen läßt, die einen an wilde Partys erinnert, an große Lieben, an den Vollrausch oder Phasen die hinter einem liegen, aber nicht vergessen sind. Die man auch ohne die Kinder hört, laut, so wie früher, oder auf Kopfhörern, damit keiner dazwischen quakt. Ja genau ich ziehe mich zurück, lasse meine Kinder sich selber (und dem Vater natürlich)  und mache mein Ding dann. Sinniere über das was war, was ist, wovon ich träume was ich außer den Kindern noch machen will, mein Leben und verfasse Blogartikel.

Ja auch ich bin ein Mutti-ich, ich hab oft kein Bock oder keine Zeit mich zurecht zu machen (auch wenn ich leidenschaftlich gerne neue Nagellacke kaufe), sehe zu, daß die Klamotten sauber sind und die Hose nicht vom Arsch rutscht. Die Haare praktisch zusammengetüddelt, den Spiegel im vorbeigehen ignorierend.

Aber, ich bin nicht nur das, ich bin ein Mensch, ein Mensch mit Geschichte, ein weiblicher Mensch, der das gerne auch mal auslebt neben der Mutti, der Sehnsüchte hat jenseits von praktischen Haushaltsgegenständen, der Musik, das Leben, Tanzen liebt, der theoretisch Bücher liest, Fernsehserien inhaliert, manchmal vor Lebensfreude vibriert, die Schminkschublade nutzt, vorm Kleiderschrank grübelt, anderen Männern hinterherschaut, in sich rein grinst und so gar nicht mütterlich denkt. Ich vermisse manchmal das Leben vor diesem, wohlwissend, daß es kein zurück gibt, daß ich keine 25 mehr bin und vieles aus dem damaligen Leben nicht mehr erleben möchte. Aber das Leben vor diesem hat mich zu dem gemacht, der ich jetzt bin und das ist viel mehr als treue Ehefrau und Mutter. Ich habe nicht immer Luft diese Seite auszuleben, aber sie ist da und sucht sich hier und da ihren Raum. Das vermisse ich in meinem Mutti-versum und frage mich wo sind die anderen? Wo sind die Frauen hinter der Mutterrolle?

Vielleicht bin ich aber auch nur ein rosa Kaninchen, daß sich nicht in die ihr gegebene Rolle angemessen einfügen kann.

 

 

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12 Antworten zu “Die Mutti-sierung

  1. Hehe und jetzt sollen wir dich alle doof finden? Nee.
    Ich finds auch ein Stück weit normal dass sich erstmal viel in Richtung Kind verschiebt, leider bleibt auch nicht jedem viel Zeit oder Möglichkeit andere Dinge zu machen. Mir fehlt mein Ehrenamt zum Beispiel, aber das geht leider nicht mehr mit Kind.
    Und sonst… ich höre immernoch super gern Musik, ich höre mir nicht freiwillig Kindermusik an, da muss das Julimädchen durch. 😉 Meine Serienliebe ist auch noch da und auf Konzerte will ich auch endlich wieder gehen.
    Ich denke die meisten sind doch nicht nur Mutter, oder? Mir fällt spontan irgendwie niemand ein, der all seine Hobbys komplett aufgegeben hat.

    • Dein Kind ist ja auch noch recht klein, als mein erstes so klein war, da war ich auch noch so aufgesaugt. War grad dabei aus dem Vakuum rauszukrabbeln. Ich glaube ja auch, daß es viele Mütter gibt, die auch noch andere Interessen haben. Grad online ist aber viel so stromlinienförmig gleich und innerhalb eines bestimmten Themenkreises, weißte was ich meine. Und öfter habe ich den Eindruck, andere Themen sind nicht mehr so relevant. Das finde ich schade.

      • Verstehe was du meinst. Eventuell entsteht auch manchmal der Eindruck, weil man andere Themen vielleicht eher weglässt. Ich persönlich fühl mich gar nicht mehr so total in der Babyblase wie im ersten Jahr, vermutlich allein durchs arbeiten.
        Und für manche ist es wohl auch echt die totale Erfüllung in der Babyblase 😉

      • Den letzten Satz wollte ich so nicht schreiben 🙂

  2. Ich bin auf deinen ARtikel gekommen, weil auf Facebook jemand selbigen Postete mit „Kann ich unterschreiben“ …. JA … das kann ich auch 🙂 (Und auch ganz offen andere Kerle lecker finden 😉 Von wegen Appetit und essen…und so … man ist ja nicht plötzlich blind und gefühllos…nech…)

    • Es geht mir ja nicht nur um andere Männer 🙂 Es geht um das ganze Ich und die Persönlichkeit die mehr beinhaltet als Haus- und Brutpflege 🙂 Nicht, daß ich hier noch einen falschen Ruf bekommen.

  3. Hättest Du das hier schon gestern geschrieben, hätte ich bestimmt an Dich gedacht, als ich in Dunkeln über die Schnellstraße fuhr und lauthals meinen Lieblingssong von Creed mitgröhlte. Und ich hätte sicherlich dabei gelächelt. Das tu ich dann eben jetzt. (Und will Dich auch ganz bestimmt weiter lesen. ;))

  4. Hm, da scheine ich so gar keine „Mutti“ zu sein. Habe 2 Kinder (3 Jahre und 6 Monate). War nie in irgendwelchen Babykursen. Und auch bin ich nicht die Kreativ-Mutti. Koche/Backe nicht,bastel und nähe nicht 🙂 Wenn ich das hier so lese bin ich eigtl. auch froh drum. Ich bin immer ich selbst geblieben, die Frau…weniger die Mutter.

  5. Das hab ich gleich mal an mein Tochterkind weitergeschickt, der geht’s grad ähnlich!

  6. Der gesamte Text ist identisch mit den Erfahrungen von 90 % junger Eltern, somit bist du im Stuhlkreis aller gut aufgehoben. Die Wellenbewegung in deinem Text macht den Gesamteidruck nur noch deutlicher. Das Wenige, das dir verloren scheint, wächst schneller nach, als du gießen kannst. Ohne Zögern weitermachen! lg

    * Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist.* Hanlon´s Razor

  7. *gg* – das Ganze wird nur noch gekrönt und vollendet durch komische Gesundheitsschuhe mit flachem Fußbett und eine Funktionsjacke eines namhaften Outdoor-Spezialisten in Tarnfarbe, damit man die Flecken vom Spielplatz nicht sieht. Ich kann dich gut verstehen – und beruhigen: ich habe mich seit ca. zwei Jahren (da war das jüngste Kind drei) wieder entmutti-isiert, meine Bastelsachen gammeln im Schrank vor sich hin, und bevor ich morgens aus dem Haus gehe, müssen Frisur und Kleidung den strengen Wertmaßstäben des zehn- bis achtzehnjährigen gutbürgerlichen Nachwuchses entsprechen 😉 … Insofern, Mutti-isierung ist ein reversibler Zustand; meist jedenfalls.

  8. Ich bin in einer ähnlichen Situation, auch Akademikerin, mit drei Kindern. Mein letzter befristeter Vertrag läuft jetzt Ende Dezember aus, ich kriege einfach das Bein nicht in die Tür, im Sinne eines unbefristeten Arbeitsverhältnisses…wurmt mich gerade sehr..

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