Serienliebe und Fernsehkonsum

Meine Name ist S. und ich bin ein Serienjunkie.

Wie konnte es nur soweit kommen? Eigentlich begann meine Laufbahn als Seriensüchtling schon in früher Jugend. Wie damals en vogue befand meine Mutter, dass Fernsehen ungesund und daher nur in sehr kontrolliertem Maß für Kinder zu erlauben sei. Also durfte ich, wenn überhaupt nur ausgewähltes Programm schauen. Das waren erstmal nur die Sendung mit der Maus und die Sesamstraße, später Unsere kleine Farm, Timm Thaler, mit Papa zusammen Väter der Klamotte, Western von gestern oder Dick und Doof. Mit der Freundin, deren Eltern etwas mehr Fernsehkonsum gestatteten, schaute quasi heimlich ich in deren Omas Wohnzimmer. Perlen wie Das Haus der Krokodile, Die Vorstadtkrokodile, Das Geheimnis des Siebten Weges oder auch Komm Zurück Lucy. Nicht zu vergessen sind auch Die Märchenbraut und Luzie der Schrecken der Straße.

Zeitgleich habe ich immer viel gelesen, Unmengen, immer und immer wieder. Sich Geschichten erzählen lassen, das war immer meins. Mit zunehmendem Lebensalter kam das Kino dazu. Welch eine Offenbarung, diese riesige Leinwand, die Dunkelheit, der Sound der einen umhüllte, wie man in die Geschichte eingesogen wird, und am Ende des Films erst wieder ausgespuckt wird. Völlig absorbiert vom hier und jetzt. (Ich werde nie so ganz verstehen, wie man das Kino zum Knutschen und mehr nutzen kann :)) So ging ich anfänglich mit den Eltern, später mit Freunden oder auch alleine ins Kino und liebte es so sehr. Nicht nur großes Popcornkino, auch die kleinen feinen Filme, die wo man sich später, nach angemessenem Schweigen durch den Abspann hindurch, im Cafe über alle Feinheiten der Geschichte, der Bilder und der Inszenierung auslassen konnte. Natürlich las ich immer noch, immer noch viel, genauso durchwachsen wie das Kinoprogramm von Schmonzette und Krimi über Sachbuch bis hin zur anspruchsvolleren Literatur, Hauptsache Buchstaben, Hauptsache es interessierte mich auf der einen oder anderen Ebene. Und dann natürlich die Serien, meistens die am Vorabend, ich erinnere mich an Die glückliche Familie, Die Wiecherts, Gegen den Wind, 90210 und Dutzende andere. Immer wieder gerne, irgendwas mit fortlaufender Handlung. Jeder kennt bestimmt diese Frustration wenn eine Folge besonders spannend war und das Fernsehen einen auf die Folge nächste Woche vertröstete. Wie man dem neuen Sendetermin entgegenfieberte und einem nichts und niemand abhalten durfte das dann auch zu schauen. Da waren die ZDF Weihnachtsserien eine erfreuliche Ausnahme, da man dort meist sechs Tage am Stück täglich eine neue Folge bekam.

Fast Forward, inzwischen Studentin, immer noch lesend, immer noch Serien schauend, immer noch gerne ins Kino gehend versuchte mich der Mann (damals noch Freund) von seiner Lieblingsserie Friends, die er in den USA geschaut hatte, zu überzeugen. Im deutschen Fernsehen. Ich setze mich also dazu und versuchte, den Humor zu verstehen. Ich verstand nicht was daran nu so toll sein sollte, es wirkte alles flach und doof. Zufall wollte, dass ein anderer Freund diese Serie auf Video im Original besaß. Da ich eine gute Freundin war, lieh ich mir die Staffel aus, überraschte damit den Mann. Ihm zuliebe schaute ich sie mit. Eine Folge, ständiges Stoppen, Nachfragen, dann mit englischen Untertiteln, weniger Stoppen und dann angefixt. Die Serie war toll, er hatte recht und so hing ich das Wochende bei ihm auf dem Bett und schaute Folge um Folge. Die echte Geburt des Serienfans.
Dabei die Erkenntnis, dass die Inhalte im Original wesentlich besser transportiert werden, deutsche Synchronisation ist immer noch oft furchtbar. Was aber noch besser war/ist, ich konnte gucken und gucken und gucken und war auf keinen Ausstrahlungstermin angewiesen. Nur darauf, dass der Freund die nächste Staffel rechtzeitig wieder auf Video hatte und bereit war sie zu verleihen. (Momentan kreist für dieses Endlosschauen einer Serie der Begriff Binge Watching durchs Netz, aber so neumodische Begriffe waren uns damals nicht bekannt).

Noch weiter vorwärts wurden der Freund, nun Mann und ich Eltern. Das bedeutete, dass Kinobesuche quasi nicht mehr existent waren. Wir wurden zu regelmäßigen Kunden der Videothek und schauten was das Zeug hielt alle Filme mit leichter Verzögerung im heimischen Pantoffelkino mit Baby im Arm oder daneben oder nebenan. Zeitgleich setze sich in der Filmindustrie ein Trend fort, der mir persönlich ziemlich auf die Nüsse geht. Es wurden weniger Filme mit Inhalt, schönen Geschichten, guter Umsetzung gedreht, sondern der Fokus ging in Richtung aufwändige Technik, Superspezialeffekte und lauter, höher, schneller, weiter. Wenig befriedigend sich das anzuschauen, wenig entspannend.

Aufgrund von Schlafmangel und Erschöpfung kam ich kaum noch zum Lesen, die abendliche Konzentration reichte kaum noch, sich auf ein Buch einzulassen, der Wille unterhalten zu werden, war aber immer noch da. Ich kam zurück auf die Serien. Da traf es sich gut, dass mir der Mann, eben diese Serie (Friends), die meine erste im Original war, als DVD Box zu Weihnachten schenkte. Wochenlanges abendliches Unterhaltungsprogramm, unabhängig, selbstbestimmt. Diesen Faktor darf man als Eltern nicht vernachlässigen. Fernsehen, wenn der Sender meint es sei jetzt Sendezeit kann man getrost vergessen. Die wenigsten Kinder schlafen brav und zuverlässig wenn man sich unterhaltungswillig auf die Couch fallen läßt.

Irgendwann ist aber auch so eine DVD Box mit zehn Staffeln zu Ende und es bleibt die Frage was jetzt? Zurück zum Film? Das reicht ja auch nicht, so viele Filme die mich noch interessieren gibt es gar nicht, siehe oben. Zunächst besorgte ich damals eine Serie auf DVD die ich erstmal im TV angefangen hatte und um sie dem Mann nahe zu bringen schaute ich sie mit ihm ebenfalls im Original. (Gilmore Girls). Aber auch die Box war irgendwann zu Ende und wir überlegten wie die abendliche, mediale Unterhaltung zu retten sei. Zu der Zeit begann grad die Möglichkeit sich US-Serien legal/halblegal aus dem Netz zu besorgen und so fingen wir an aktuelle oder fast aktuelle Serien zu schauen.

Ein Grund, warum ich inzwischen Serien den Filmen vorziehe ist, dass die Handlung nicht auf ca.90 min limitiert ist. Bei Serien die ich liebe werden Charaktere, Handlungsstränge entwickelt, es gibt Zeit für unerwartete Wendungen, man kann sich sehr lange auf die Geschichte einlassen. Taucht abends in seine vertraute Geschichtenwelt. So wie in ein gutes Buch. Leider bin ich wenn hier endlich Ruhe ist, mit inzwischen drei Kindern, oft zu müde um mich in ein Buch zu versenken, die Konzentration auf die Buchstaben, mag die Geschichte noch so toll sein, klappt nicht. So ziehe ich mich in mein Bett zurück und schaffe mir im Dunkeln mit Kopfhörern und Bildschirm vor den Augen mein eigenes kleines Kino, versinke in der Geschichtenwelt und blende den Alltag aus. Entspannt mich ungemein.

Dank verschiedener Dienste bin ich fast nicht mehr auf DVDs, Sendetermine, Veröffentlichungsdaten angewiesen. Wenn ich eine Serie entdeckt habe, die nicht brandaktuell ist, kann ich ein, zwei, drei Staffeln weg gucken und wenn ich Glück habe, sind an deren Ende schon neue Folgen verfügbar. Da ich inzwischen so viele Serien schaue kann, ich damit leben nicht mehr von jeder Serie mindestens drei Folgen im Vorrat zu haben. Wenn nicht grad Saisonpause ist, gibt es fast täglich ein bis zwei Folgen für mich zu schauen und spätestens dann schlaf ich beim Schauen ein. (Kann ich auch erst seit ich Kinder habe, konnte früher nie beim Glotzen schlafen, oder es ist das Alter) Auch ein Vorteil des Schauens nach Bedarf, ich kann ja später weiterschauen, bzw. zurück spulen.

Das Thema Serien nach Bedarf zu schauen, entweder via Streamingdienst oder über iTunes wird grad an einigen Orten (sogar in der Tageszeitung) diskutiert (heute grad hierbei Gutjahr) und dabei als Aufhänger genommen sich zu fragen, ob das konventionelle Fernsehen damit dem Tod geweiht ist. Das sehe ich nicht so. Ja das deutsche Fernsehen nervt oft, das Programm ist nicht unbedingt auf mich als Zielgruppe ausgelegt. Gute Sachen kommen selten oder zu unmöglichen Sendezeiten. Meine Ungeduld (und damit bin ich nicht alleine) und die Möglichkeit es anders haben zu können, lassen mich Serien lieber wie genannt als nach Ausstrahlungsplan konsumieren. Trotzdem läuft hier der Fernseher noch oft. Als Begleitmusik, als Programm nebenbei, bei Sendungen die nicht meine volle Aufmerksamkeit brauchen. Serien im Original verstehe ich inzwischen fast fließend, aber ich kann und will wenig nebenbei machen. Zum einen wegen des Kinogefühls, zum anderen weil ich komplett alles andere abschalten will. Zum anderen möchte ich gar nicht immer durch einen fortlaufenden Strang unterhalten werden. Beim Stricken, beim Wäsche falten, beim irgendwas anderes machen, reicht mir ein bischen Infotainment aus dem regulären Programm, Nachrichten, Dokumentationen, all sowas. Ich schaue das gerne, ich mag das. Fernsehen und auch Radio sind für mich immer noch wie Wundertüten. Beim Radio, die Musik, die ich eben nicht bewußt gewählt habe, vielleicht ein Beitrag der meine Aufmerksamkeit fesselt. Beim Fernsehen, das Programm, das zappen, na was bietet ihr mir? Leider im letzteren Fall oft nicht genug, aber doch soviel, daß ich nicht darauf verzichten mag.

Eins darf man, glaube ich, in der ganzen Diskussion nicht vergessen. Das Internet ist kein Neuland, für viele alltäglich. Aber es gibt auch genug Menschen für die es eher noch exotisch ist, für die es nicht normal ist, sich Inhalte zur Unterhaltung aus dem Netz zu ziehen, sei es aus Desinteresse, aus mangelndem Wissen oder fehlenden technischen Möglichkeiten. Ich bezweifele, dass die Generation 60+ sich heute schon ihren Medienkonsum online besorgt. Diese Menschen schalten abends den Fernseher an um sich zu informieren oder unterhalten. Schade ist nur, das es oft scheint, das die Fernsehanstalten meine und jüngere Generationen bei der Gestaltung ihres Programmes vernachlässigt und somit quasi forciert, das wir zur Unterhaltung nach Wunsch abwandern.

8 Antworten zu “Serienliebe und Fernsehkonsum

  1. Re: „Schade ist nur, das es oft scheint, das die Fernsehanstalten meine und jüngere Generationen bei der Gestaltung ihres Programmes vernachlässigt und somit quasi forciert, das wir zur Unterhaltung nach Wunsch abwandern.“

    Es wäre schon mal ein Anfang, wenn bei Serien und Filmen häufiger Originalton angeboten würde – und wenn die Angebotsdauer vieler Sendungen in den Mediatheken nicht auf eine lächerliche Woche beschränkt wäre.

  2. Hat dies auf http://www.Sozialgeschnatter.de rebloggt und kommentierte:
    Ich kann mich anschließen: Hallo, mein Name ist P., und ich bin Serien-Junkie.

    Re: >>Schade ist nur, das es oft scheint, das die Fernsehanstalten meine und jüngere Generationen bei der Gestaltung ihres Programmes vernachlässigt und somit quasi forciert, das wir zur Unterhaltung nach Wunsch abwandern. <<

    Es wäre schon mal ein Anfang, wenn bei Serien und Filmen häufiger Originalton angeboten würde – und wenn die Angebotsdauer vieler Sendungen in den Mediatheken nicht auf eine lächerliche Woche beschränkt wäre.

  3. Komm Zurück Lucy – herrjeh war das gruselig!
    California Clan und Springfield Story hast du weggelassen, ich glaube ja, die waren der Grundstein – bei mir war es Star Trek – next Generation.
    Ich bin erst bei der Stufe „leih die Box von Freunden“ (= Dexter und Breaking Bad) angekommen.
    Ansonsten gehöre ich aber nach wie vor zu den Menschen, die die guten Filme nachts um 3 aufnehmen… Ist ja mit der Festplatte am Fernseher deutlich einfacher (jaja, das geht auch moderner, für mich ist DAS modern).
    Die Form von heutigen Erfolgsserie mit durchlaufendem verzwicktem Handlungsstrang statt 45min abgehacktes Standardprogramm ohne echte Bezüge, finde ich aber auch deutlich attraktiver.

    • Immerhin weiß ich erst wieder durch Dich wie die Lucy Serie hieß 🙂 Die US Soaps hatte ich verdrängt, aber wenn man die erwähnt darf man Reich und Schön nicht vergessen :)) Unser Fernseher kann nicht aufnehmen :/ Ja die durchlaufenden Handlungsstränge mag ich sehr, viel besser als jede Woche ein „Neuer Fall“ ohne richtigen Zusammenhang.

      • Ahhh, bei „California Clan“, „Springfield Story“ und „Reich und Schön“ werden Erinnerungen wach. 😉 Ich muss ja gestehen, dass ich sogar die Telenovela „Die wilde Rose“ (die mit dem sprechenden Hund) komplett gesehen habe,

  4. Have you watched The Sopranos? It’s fantastic. And there is also Orange Is The New Black on Netflix.

    • No I haven’t watched it yet. We considered it a few times but never did it. We watched nearly all seasons of the west wing though. Nico watches House of Cards right now, I couldn’t like it so far but will try again. I was unsure if I would like Orange is the new Black. I love Suits and the Good Wife and White Collar and Homeland and Parenthood among some others 🙂

      • I love „The Sopranos“, „Orange Is the New Black“ and „The West Wing“. I also enjoy(ed) „Weeds“, „The Wire“, its successor „Treme“ and „Episodes“. And many, many more …

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