Von Seelenorten und Familie

Ich war siebzehn als die Eltern meiner Freundin vorschlugen, daß ich sie in den Herbstferien auf diese Insel begleiten sollte. Ich war noch nie da gewesen, aber einen Urlaub mit meiner Freundin und ihrer Familie am Meer klang verlockend. So kam der Tag an dem ich meine Habseligkeiten in einen der zwei Wagen der Freundinfamilie verlud und wir losfuhren. Was für mich neu und aufregend, war für alle Anderen quasi Routine, denn die Familie verbachte seid Jahren diverse Urlaube dort, dank des großväterlichen Hauses. Der erste überwältigende Moment war, als wir auf der Fähre uns auf dem Oberdeck versammelten. Ich erinnere, daß es schon langsam dunkel wurde und meine Freundin und ich im jugendlichen Übermut Tanzschritte aus der damals besuchten Tanzschule übten. Teenager halt 🙂 Es folgte eine wunderschöne Woche in der ich das Familienleben genoß, wunderbar aß, viel am Strand und auch auf dem Friedhof rumhing. Wir hörten bei Dorfspaziergängen Musik mit einem geteilten Walkman Kopfhörer und hatten eine großartige Zeit. Nach einer guten Woche war die Zeit um, wir packten unsere Sachen wieder ein und fuhren heimwärts. Einen Teil meines Herzens ließ ich jedoch zurück. Ich hatte meinen Seelenort gefunden. Der Ort an dem ich noch einige Male mit meiner Freundin zurück kehren sollte, bei Liebeskummer, einfach so im Sommer, nach dem Abitur und das letzte Mal gemeinsam nach dem Examen. Es war immer unser Ort zum Auftanken, zum Herz wieder flicken, der männerfreie Ort (zumindest den heimatlichen, denn lustige Begebenheiten hatten wir durchaus mit anwesenden), der Rückzugspunkt.

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Natürlich wurden wir älter, hatten feste Partner, heirateten, bekamen Kinder. Mein Freundin nahm ihre Männer und später ihren Ehemann und die Kinder regelmäßig mit dorthin. Ich konnte mich immer noch nicht so ganz damit anfreunden diese Insel zu teilen, mit einem Mann, mit einem Mann der vielleicht nicht in meinem Leben bleiben würde.  Trotzdem nahm ich einges Tages den Gatten, damals noch Freund für einen Tagesausflug mit hinüber. Später auch den besten Freund und den dann doch Gatten ein weiteres Mal. Aber dort Urlauben mit Familie, war irgendwie unvorstellbar. Mein Insel, mein Rückzug, mein Seelenort.

Nun wurden uns sehr kurzfristig die diesjährigen Frühjahrsferien bewußt und wir versuchten auf die Schnelle noch einen Kurzurlaub für uns und den Hund zu finden. Drei Kinder und Hund sind aber entweder finanziell oder überhaupt ein kleines Problem bei der Suche. Auf lustige Wege kam es dann, daß uns eine Wohnung auf meiner Insel für den gewünschten Zeitraum, auch mit Hund, und bezahlbar angeboten wurde. Wir überlegten nicht all zu lang und buchten. Ich wurde aufgeregt, freute mich und sehnte die kurze Auszeit dabei, ich war so lange nicht da und wer Familie hat, muß die Familie auch mitnehmen. 🙂 Wir hatten alle nach einigen sehr anstrengenden Wochen dringend Abstand zum Alltag nötig. Bei der Ankunft standen mit die Tränen in den Augen, unzählige Erinnerungen von Ankunft und Abschied, von abgeholt werden, alleine ankommen, gemeinsamen Abfahrten in verschiedenen Personenkonstellationen, Fragmente aus verschiedenen Lebensphasen rotierten vor meinen Augen. Vorallem Erinnerungen an viele glückliche, entspannte Momente. Und dann kam ich auch schon wieder im hier und jetzt an. Fielen früher alle Sorgen mit Betreten des Oberdecks und dem Anblick des Meeres von mir ab, war ich diesmal panisch damit beschäftigt darauf zu achten, daß keines der Kinder über die Reling fiel. Im Auto auf dem Weg zur Unterkunft wurde sich auf der Rückbank gestritten, wahlweise gequengelt. Das war dann doch ein bischen anders als sonst. Das war der Auftakt zu dem Unterschied zu früher. Lief ich früher mit oder ohne Musik alleine am Spülsaum, saß ich entspannt mit der Freundin im Strandkorb, ging ich abends mit ihr in die Kneipe, blieb diesmal, dank Krankheit des Mannes, das ständige Regulieren der Kinder, das Haushalten in der Wohnung und sehr wenig Luft für Auszeit. Das war erstmal recht enttäuschend, andererseits ist das halt so mit Familie, auch wenn ich es mir anders gewünscht habe. Das soll nicht bedeuten, daß ich bereue meiner Familie gesammelt meinen Lieblingsort gezeigt zu haben, aber mit ihnen ist es eben einfach anders. Ich kümmere mich gerne um die Kinder und mache etwas mit ihnen, aber der Dauerbespaßungsanspruch der Kinder ist im Urlaub etwas anstrengend. Immerhin zum Ende der Tage konnte die großen Streithähne alleine an den Strand gehen, auch wenn das bedeutete, daß sie klatschnass zurück kamen.

Die Insel ist auch weiterhin mein Seelenort und ich werde auch die Familie wieder mitnehmen (so sie denn mag), aber ich werde mir vorher klar machen, daß momentan ein solcher Rückzug und eine solche Auszeit wie vor der Familie mit ihnen dort nicht möglich ist. Familienzeit hat auch etwas schönes, aber wenn ich nochmal ganz zur Ruhe kommen will, dann fahre ich ohne sie.

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2 Antworten zu “Von Seelenorten und Familie

  1. dann fahr mal ohne Familie weg, wir kommen schon klar. 🙂

  2. Herrjeh und ich war immer so neidisch… 😉

    Danke für die Karte! DAS läuft heute deutlich besser.

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