Archiv der Kategorie: Beruflich

Studentenleben 2.0 – Berkeley Teil 7

Man sollte meinen bei so einem Aufenthalt an einer der Top-Unis in den USA fällt einem jeden Tag etwas ein, über das man schreiben möchte. Und ja, es gibt vieles was einem tagtäglich so durch den Kopf geht, aber es sind mehr die kleinen Dinge. Das verwurstet man dann auf Instagram oder schreibt irgendwo in den anderen Sozialen Medien ein bis zwei Sätze. Es baut sich ein innerlicher Druck auf, dass man doch jetzt großartiges zu berichten hätte, denn hey, man ist in Berkeley, hey man ist in Kalifornien, hey alles toll. Nö. Alltag ist eigentlich relativ unspektakulär. Wobei unspekatakulär auch nicht so der richtige Ausdruck ist. Ich weiss nicht, ob ich schon einmal berichtet habe wie das hier aufgeteilt ist. Ich bin 13 Wochen vor Ort und diese 13 Wochen sind in vier Quarter unterteilt. In jedem Quarter belegt man Kurse. Jeder Kurs gibt bei bestehen ein bis drei credits. Das Ziel ist es in diesem Sommer 16 credits zu erlangen, maximal darf man 17 credits erlangen. Damit ist auch klar, dass der Spielraum einen Kurs nicht zu bestehen sehr sehr knapp ist. Es ist auch klar, dass es alle 2,5 Wochen ca. ein bis drei Prüfungen zu absolvieren gibt. Im Grunde findet hier eine Druckbetankung statt. Die drei credit Kurse laufen meist das komplette Quarter die anderen kürzer und manche finden in einer komprimierten Form am Wochenende statt. Jeder Lehrkörper möchte einem in der zur verfügung stehenden Zeit möglichst viel des Wissen vermitteln. Die Reduzierung des Stoffes der sonst in einem Semester gelehrt wird gelingt den meisten nicht unbedingt. Es ist im Gegensatz zur deutschen Uni hier üblich, dass man einen Großteil des Materials lesend eigenständig erlernt und in den Vorlesung anwendet oder wiederholt, gepaart mit Erklärungen des Dozenten. Das wiederum bedeutet, dass man zwischen zwei und vier Stunden Vorlesung hat und noch mal ein bis drei Stunden Lesezeit pro Tag hinzu rechnen kann. Hat man also zwei Vorlesungen am Tag, ist man mehr als gut ausgelastet, am Ball zu bleiben. Und gegen Ende des Quarters bereitet man sich halt auf ein bis drei Prüfungen vor. Das Gute ist, dass nicht alle in der Uni geschrieben werden, sondern man auch entweder ein Paper abgibt oder aber ein take-home Exam hat, bei dem man die Prüfung alleine am Computer schreibt. Hinzu kommt, dass viele der Prüfungen open-book sind, das heisst man darf die zur Verfügung gestellten Lehrmaterialien benutzen. Das hilft aber auch nur bedingt, denn in dem Zeitfenster von drei bis sechs Stunden für eine Prüfung kann man nicht lange suchen, wenn man nicht weiss worum es geht. Vielleicht gibt das einen kleinen Einblick wie die Arbeitsbelastung hier so aussieht und dass das eher keinen Urlaub darstellt bei dem man nebenbei eine Prüfung besteht. Aber bisher habe ich alle Prüfungen bestanden und will mal nicht meckern.

Meine langen Auführungen zum akademischen Teil sollen ausdrücken, dass man in der Regel nicht wirklich viel Zeit für Freizeitaktivitäten hat, zumindest nicht, wenn man alles bestehen will und das auch noch passabel. Trotzdem findet einiges statt, gerade die Kollegen des professional tracks nutzen den Sommer auch zum Feiern. Es macht auch Sinn zum einen weil es massiv Netzwerken bedeutet und zum anderen weil man einfach auch mal Druck abbauen muss. Ich habe nicht die Energie so oft weg zu gehen. Ich finde die Anpassung an das fremde Land, an das erneute Lernen, die Umstände oft ermüdend und mag auch nicht morgens um 9:00 unausgeschlafen in der Vorlesung sitzen.

Als ich letztens, als ich den Freitag und Samstag in der Uni verbringen musste draussen in der Sonne stand bekam ich jedoch massive flashbacks zur ersten Uni-Zeit. Es war sonng, es war warm, es war irgendwie friedlich und ich hörte aus den Verbindungshäusern gegenüber Musik. Das erinnerte mich so stark an die Sommer in Göttingen als ich im Studentenwohnheim wohnte und die Sommer dort verbrachte. Die Zeit in der man tagsüber an der Hausarbeit schrieb um abends ordentlich feiern zu gehen, die Nächte heiss und kurz waren und man Teil einer Gemeinschaft war und so unglaublich frei.

Freiheit, Ungebundenheit, und auch Sorglosigkeit das ist das was das jetzige Studium (abgesehen von der „Kürze“) von damals massiv unterscheidet. Man ist nicht mehr ungebunden, man ist für mehr Verantwortlich als für sein eigenes Wohlbefinden, die Selbstoptimierung die man in den 20ern betrieb ist in den Hintergrund gerückt. Man ist jetzt Arbeiternehmer, Partner, Eltern. Man sorgt für andere, trägt Verantwortung, ist eingebunden in ein System. Die Egozentrik der früheren Jahre ist der Rücksichtnahme etc. des Ertwachsenenlebens gewichen. Wenn man zu lange feiert, wenn man verantwortlungslos handelt, wenn man das Lernen vernachlässigt, dann hat das heute gravierendere Folgen als damals. Ich sehe natürlich auch Kollegen die da nicht so drin gefangen sind wie ich, aber das mag dann auch daran liegen, dass sie zehn bis fünfzehn Jahre jünger sind und noch nicht so eingebunden sind wie ich. Selbst wenn ich hier eine Freiheit geniesse, wie ich sie lange nicht hatte, bedeutet das nicht, dass man sie so konsequenzenlos ausleben kann oder will wie früher.

Um aber nochmal auf die Arbeitsbelastung zurück zu kommen. Auch wenn es viel ist, erlebe ich hier durch die Uni und die für uns Verantwortlichen einen viel größeren Rückhalt als ich ihn damals in der Uni in Göttingen erlebte. Dort hatten wir zwar das Studentenwerk, dass ich um das Wohlbefinden kümmerte, aber das akademische wurde einem selbst überlassen. Das ist hier anders, es liegt der Uni sehr viel daran, dass alle das Programm möglichst bestehen und das bedeutet nicht, dass man die Ergebnisse nicht hart erarbeiten muss. Aber wenn man schwimmt, wenn man droht zu scheitern, wenn einen der Alltag überfordert gibt es viele Sicherheitsnetze. Und diese sind nicht nur theoretisch der staff der für uns zuständig ist, ist gut erreichbar und engagiert in allem Umständen hilfreich zu sein. Das gilt im Übrigen auch für die Professoren, die hier viel mehr hands-on sind als ich das in Deutschland erlebt habe. Sie stehen regelmäßig für Sprechstunden bereit, sie diskutieren und beantworten Fragen gerne in den Pausen, sie versuchen einen angesichts der Prüfungen gut vorzubereiten und auch nach den Kursen in den Gängen der Uni erkennen sie einen oft und grüßen oder fangen ein Gespräch an. Das ist wirklich eine sehr positive Erfahrung. Ich bin ja eh der Ansicht, dass durch persönlicheren Umgang das Lernergebnis positiv beeinflusst wird. Und bevor ich ich mich hier in den Längen des Artikels verliere und mein Lernpensum für heute weiter vor mir herschiebe schliesse ich ab mit den Worten: Es ist anders aber es ist auch schön hier.

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Alleine sein – Berkeley Teil 6

Ich war seit bestimmt 18 Jahren nicht mehr so alleine. Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen, seit achtzehn Jahren. Und auch vorher waren immer irgendwie Leute um mich rum, Kernfamilie, Wohnheimfamilie. Aber seit ich vor ziemlich genau 18 Jahren die Wohnung mit dem Mann, damals Freund, bezog war ich nicht mehr ohne Ansprechpartner, Freunde, Familie in der Nähe. Nichteinmal weil ich es nicht wollte, sondern weil es einfach so war. Und das ist eine Umstellung. Ich wohne hier nicht alleine, ich bin zur Untermiete. Ich studiere nicht als Einzelperson, ich habe Mitstudenten, die ich mal mehr mal weniger sehe. Und all dies findet weder auf einer einsamen Insel statt noch hat meine Familie oder mein Freundeskreis den Kontakt abgebrochen. Letzterer hat im Gegenteil ein Gesprür dafür entwickelt wenn ich anfange in Grübeleien zur verfallen, wundersamerweise ruft dann einer an oder schreibt was.

Aber es ist keine Vertrauensperson da, man kann nicht mal eben jemanden besuchen, man kann nicht mal einfach so anrufen, denn durch die extreme Zeitverschiebung ist es schwierig. Also bleibt man auf sich geworfen. Und das ist hart. Es gibt nämlich keine oder nur bedingt Ablenkung von den ganzen Gedanken die aus dem Inneren nach oben spülen. Man kann dann entweder darin versinken oder ein bischen versinken, man kann darin verharren oder aber man kann sich damit auseinandersetzen bis zu dem Punkt wo es unangenehm wird. Jedoch die einzige Person die in solchen Momenten einem den Kopf gerade rückt, rücken kann ist man selber. Leider fehlt da manchmal ein bischen die Objektivität von aussen, aber es ist auch ein guter Anspron über sich selber hinaus zu wachsen und die Verantwortung ganz alleine zu tragen, für das eigene Wohlbefinden. Ohne Ablenkung über neue Wege und Handlungsformen nachzudenken. Trotzdem ist es nicht immer angenehm und manchmal erschreckend. Aber wie ein lieber Mensch mir vor Abflug sagte, selbst wenn es Dich beruflich nicht weiterbringt, Du wirst wachsen. Ok, manchmal fühl ich mich hier noch recht klein, aber manche Dinge brauchen ihre Zeit.

Alleine sei, ohne dauernd auf eine andere Person zu reagieren, heißt aber auch, sich selber plötzlich wieder ganz anders wahrnehmen, als Mensch als Frau, als Lernende. Das hat durchaus interessante Aspekte.

Andererseits ist man sonst so von den Bedürfnissen anderer getrieben, dass man verlernt hat was einem selber in dem Moment gut tut, was man braucht, wofür man sorgen muss.

Ein wesentlich weniger emotionaler eher pragmatischer Aspekt ist, dass ich seit Teenagerjahren gewohnt bin mich mehr oder weniger alleine um meine Angelegenheiten zu kümmern, aber hier bekommt das nochmal ein ganz anderes Format. Auch wenn ich daheim oft für Einkaufen und Mahlzeiten (und Wäche und was weiss ich) zuständig, ich bin es halt nicht immer und das merke ich um so mehr jetzt. Es gibt keinen Grundstock an Nahrungsmitteln aus dem ich mal grad was bereite, wenn ich Essen will, muss ich mich darum kümmern und im Voraus mehr als sonst planen. Für die Familie kann ich das ganz gut, für mich alleine, eher noch nicht. Also esse ich eher unregelmäßig und ungesünder als zu Hause. Aber auch hier arbeite ich dran.

Letztendlich ist es seltsam nicht mehr für fünf weitere Nasen verantwortlich zu sein. Da reinzufinden fällt mir eher schwer. Das geht so weit, dass der Mann letzens sagte, nachdem ich auf dies und das hinwies, nachfragte etc., ich solle mal loslassen, sie hätten das alles schon im Griff. Aber ich hatte schon diverse Nachfragen wo denn dies oder das liegen würde bzw. was jetzt zu tun wäre. Aus gelebten Rollen auszubrechen geht nicht von heute auf morgen. Ich vermisse hingegen die Dauergeräuschkulisse und das dauernd in Beschlag genommen werden nicht.

Was mir fehlt ist der tatsächlich Kontakt zu meiner Familie, so oft sie auch anrufen, ich kann sie nicht anfassen. Ich kann sie nicht riechen, nicht umarmen, durch die Haare wuseln. Anfunkeln, anmotzen oder um Hilfe bitten. Küssen.

Dafür kann ich mit Kopfhörern durch mein Zimmer tanzen ohne, dass ein Teenagergör meint ich sehe komisch aus oder ein Kleinkind meint ich müsse sofort mit ihm oder mit ihm auf dem Arm tanzen. Ich kann mich mit Leuten treffen ohne Rechenschaft abzulegen wann und wie ich zurück komme. Wenn ich shoppen gehe will niemand plötzlich essen oder aufs Klo. Wenn ich Lernen will, stört keiner mit Alltagsfragen die Konzentration. Wenn ich beschliesse ich esse nur Junkfood habe ich kein schlechtes Gewissen wegen gesunder Kinderernährung, denn die essen ja nicht mit. (Wobei ich nicht weiss ob ihre Ernährung momentan gesünder ist ;))

Unter dem Strich, ich bin alleine, manchmal einsam, manchmal nicht und langsam lerne ich die temporäre Unabhängigkeit zu geniessen. Aber eins weiss ich und das ist nicht neu, ich bin auf Dauer kein Einsiedlerkrebs.

 

Wer zahlt das denn? – Berkeley Teil 3

Wenn man den Traum hat, an einer guten und anerkannten Uni in den USA einen Abschluss zu machen, sind da zunächst die Hürden, des sich selbst zu überwinden, die Unterlagen zusammen zu bekommen, die Englischfähigkeiten nachzuweisen und dann auch noch alles rechtzeitig abzugeben. Wenn man dann auch noch angenommen wird, was ja nicht ganz so einfach ist, bleibt das klitzekleine Problem: wie bezahlt man das eigentlich? Es ist allgemein bekannt, dass man in den USA Studiengebühren bezahlt. Auch, dass diese nicht gerade gering sind: je besser die Uni, desto mehr läßt sie es sich bezahlen, dass die einen ausbildet.

Ich habe die Frage, wie ich das Ganze denn finanzieren werde, wenn ich entgegen meiner Annahme angenommen werde, immer auf den Zeitpunkt vertagt, an dem es soweit ist, dass ich angenommen werde. Ich hatte im Kopf, dass es diverse Studiendarlehen und Stipendien gibt und man ansonsten bei der Hausbank lieb Männchen machen könne, um die finanziellen Mittel zu erhalten. Als dann also die Zusage kam, fing ich an zu rotieren.

Ich durchforstete die Websites der Uni, um mich zu informieren, welche Stipendien für mein Programm (LL.M) und insbesondere für internationale Studenten in Frage kämen. Ich schrieb die üblichen Verdächtigen wie DAAD, Studienstiftung des Deutschen Volkes, Fullbright, Oppenhoff Stiftung und Rollendes Stipendium an. Ich kontaktierte diverse US Programme für Frauen, ich schrieb an die Studienfinanzierer Deutsche Bildung und Brain Capital an. Ich durchforstete die Seite der KFW und der Sparkasse Herford. Führte einige Telefonate und wand mich an US Studienkreditgeber.

Meine Eltern sind weder in der Lage, noch gewillt meine Pläne zu unterstützen, große Ersparnisse für so ein Projekt stehen mir nicht zur Verfügung und meinem Arbeitgeber ist es quasi „egal“, ob ich das mache. Insofern bin ich auf Unterstützung von außen angewiesen.

Uns geht es finanziell nicht schlecht, aber für so ein Großprojekt, welches auch noch relativ spontan geplant wurde, sind wir als Familie mit vier Kindern nicht ideal aufgestellt gewesen. Mir ist bewußt, dass es bei anderen Menschen um die Möglichkeit geht, durch finanzielle Unterstützung überhaupt studieren zu können und ich meine universitären Abschlüsse schon habe. Ich habe also durchaus Verständnis, wenn diese Menschen aus offensichtlichen Gründen vorgezogen werden.

Die Gründe jedoch, die ich zu hören bekam, waren ein wenig absurd. Bei den Stipendien waren etwa die Bewerbungs-Deadlines einfach vorbei. Wer nicht regulär zum Herbst anfängt zu studieren, der hat eben Pech gehabt – ein Studium ausserhalb des gängigen Zeitrahmens ist nicht vorstellbar. Gleiches gilt für ein Studium, das online, oder wie in meinem Fall, teilweise online ausgeführt wird. Das ist einfach nicht vorgesehen, „das gab es früher nicht, also fördern wir das nicht“.

Bei den Kreditgebern fiel ich bei der KFW gleich mal wegen des Alters raus und wenn ich es auch noch als Aufbaustudium hätte angeben können, war ich mit der Hybrid Option wieder raus. Brain Capital sagte auch ab, weil sie nur Präsenzstudien fördern, bei der Deutschen Bildung hiess es, man habe keine Mittel mehr für ein (Teil-) Online Studium. Bei dem Rollenden Stipendium sagte man ab, da man als Höchstsumme nur einen Teilbetrag der Studiengebühr geliehen hätte und damit wäre mein Erfolg ja fraglich gewesen.  Unsere Hausbank sagte nach eingehender Prüfung ab und es klang ein wenig durch, dass sie gerne im Vorfeld involviert worden wären. (Ich habe mich erst nach Zusage an diese gewandt und nachdem kein Stipendium zu finden war). Die Sparkasse Herford bietet zwar einen Studienkredit unabhängig von Wohnort und Bank an, aber sagte mir dann dass sie doch lieber die Studenten aus der Region unterstützen. Die US Studienfinanzierer boten nur horrende Zinsen und der eine die Zusage nur, wenn ich mein VISA hätte. Die einzige halbwegs faire dieser Banken unterstützt wiederum kein Online-Studium. Dazu muss man sagen, dass ich mich zum 15.11.18 beworben hatte und um 07.12.2018 meine Zusage bekam. Ich hatte weder einen gültigen Pass, geschweige denn ein VISA. Es musste alles sehr fix gehen, denn zum Ende Januar war der erste Teil Studiengebühr fällig.

Letztendlich wand ich mich in einem verzweifelten Versuch an meine Bank aus Studentenzeiten, bei der ich immer noch ein Konto unterhalte. Und zwar ungefähr eine Woche vor Ablauf der Frist zum Zahlen der ersten Rate. Das ging dann plötzlich alles sehr schnell und unkompliziert mit einem sehr fairen Zinssatz. Leider ist so ein reguläres Darlehen immer sofort fällig und man hat keine Karenzzeit bis das Studium vorbei ist. Außerdem werde ich im Sommer während meiner Abwesenheit für vier Monate unbezahlt frei gestellt. Das erhöht den finanziellen Druck nach Abschluss minimal besser bezahlt zu werden nur geringfügig.

Was ich aus meinen ganzen Bemühungen, Bewerbungen, Telefonaten, Anschreiben und Absagen mitgenommen habe ist, dass es bei Bildungsfinanzierung definitv Alterdiskriminierung gibt. Außerdem frage ich mich, was mit diesem ganzen „Mütter zurück in den Beruf“, „Wir brauchen qualifizierte Arbeitskräfte“, „Frauen in Führungspositionen“ Slogans gemeint ist. Denn wenn man als Vierfachmutter mit durchschnittlichen Examen, mit einer hochqualifizierten Berufsausbildung, aber Brüchen im Lebenslauf keinen angemessenen Arbeitsplatz findet und sich dann entscheidet, noch eine Qualifizierung drauf zu setzen um, für den kompetitiven Arbeitsmarkt attraktiver zu werden, dann ist man plötzlich doch sehr sehr alleine, denn die Regularien sind irgendwo in einer Zeit stehen geblieben, die den heutigen Gegebenheiten (Digital und Flexibilität) nicht mehr entsprechen. Ohne die Möglichkeit nur einen Teil präsent sein zu müssen, könnte ich mit Job und Kindern eine solche Weiterbildung gar nicht wahr nehmen.

 

 

 

 

 

 

 

Na wie ist es denn so?

Das ist die Frage die ich in letzter Zeit am meisten höre. Sowohl im Familien- und Freundeskreis, aber auch im erweiterten Kreis meiner Blase im Netz hat man regen Anteil daran genommen, dass ich nach all den Jahren eine Anstellung gefunden habe. Und meistens antworte ich mit den Worten, dass es ungewohnt, aber gut ist und ich oft müde bin.

Also müde eher nicht bei der Arbeit, aber danach. Wer den Biorhythmus einer Nachteule hat, der stellt sich nicht in drei Wochen um und ist morgens eine fröhliche Lerche. Aber ich stelle mir den Wecker so, dass ich wenigstens ein wenig Ruhe am Morgen habe um meinen Kreislauf in Schwung zu bekommen. Arbeiten gehen ist dann aufregend genug um mich in den Stunden wach und aufmerksam zu halten auch wenn es ab und an kleine Schwächen in der Formnote gibt.

Inhaltlich ist es so wie erwartet, Sekretariat mit juristischen Ausschlägen. Die Sekretariatsarbeit ist nicht so schwer, aber doch viel Formkram den man sich merken muss und wo es mir wirklich unangenehm ist, wenn ich ein zweites oder drittes mal nachfragen muß wie es denn nun geht. Man nehme nur so eine Telefonanlage, eigentlich keine Raketenwissenschaft, aber sich am Telefon richtig zu melden, dann Rückfrage zu halten, ohne große Zwischenfälle zu verbinden ohne den Anrufenden aus der Leitung zu schmeissen sind für das weiche Muttihirn teilweise mit einer gewissen Herausforderung verbunden. Am Besten steht dann noch der Chef hinter oder um einen rum, dann geht gar nix mehr. Gut Gelassenheit ist eine Eigenschaft für das nächste Leben. Ich zweifele dann ja schon an mir, genauso, wenn ich mir nicht merken kann, wer denn nun den Schriftsatz in welcher Ausführung mit welchem Stempel und welchen Anlagen bekommt. Aber man kann sich ja alles mal aufschreiben und Übung macht den Meister, andere schaffen das ja auch im Halbschlaf rückwärts mit geschlossenen Augen. So viel Kapazität sollte ich mir dann schon zutrauen.

Was mich mehr anfrisst ist, dass ich doch feststelle, dass eine großer Teil des juristischen Präsenzwissens ganz tief nach unten in die Hirnwindungen gesackt ist. Und dann rutscht mir auch noch ein Quatsch raus und die Selbstzweifel triumphieren mal wieder. Aber paah, davon lasse ich mich nicht unterkriegen. Erstens kann ich lesen und habe auch spezifische Lektüre da und zweitens habe ich oft genug erlebt, dass gewisse Dinge oft unvermittelt wieder präsent sind. In diesem Studium wird einem ja einiges so oft eingebläut, dass man es gar nicht dauerhaft vergessen kann. Abgesehen davon, welcher Jurist hat, außer ganz frisch aus dem Examen, abgesehen von der Materie mit der er ständig zu tun, wirklich große Teile des Erlernten abrufbar?

Aber unter dem Strich ist alles fein. Die Kollegen sind nett, gut was sie denken weiss ich natürlich nicht, aber sie sind nett zu mir. Freundlich und hilfsbereit, es scheint ein gutes Arbeitsklima zu herrschen, soweit ich das nach kurzer Zeit beurteilen kann. Das ist viel wert und macht einem das Eingewöhnen in die Arbeit und ein neues Umfeld leicht(er).

Komisch ist es damit zurecht zu kommen, sich seine Zeit nicht mehr ganz frei einteilen zu können und wenn meine Stunden um sind folgt gleich der „Familienjob“. Ich jongliere noch damit mir Freiräume zu schaffen. Die Zeit sinnvoll einzuteilen, dass ausser Beruf und Haushalt auch Freizeit bleibt. Da ich noch nicht volle Tage arbeite ist das eigentlich machbar, aber momentan schlafe ich nachmittags oft ein (Ein Hoch auf größere Kinder, die dann die kleineren beaufsichtigen) und danach bleibt nicht mehr so viel Zeit. Am Wochenende muss dann aufgeholt werden, was nun liegen bleibt, da ich vormittags dafür keine Zeit mehr habe. Aber das wird sich alles einspielen.

So sieht das auch nach gut 3 Wochen in Lohn und Brot, es gab auch schon den Tag an dem ich mir am liebsten morgens die Decke wieder über den Kopf gezogen hätte und dachte mich sollen alle in Ruhe lassen, aber das gehört halt dazu und im Büro war es dann wieder gut. Mit der Routine wird sich alles einspielen, (noch) bin ich da optimistisch 🙂

Nach all der Zeit

Wer mich kennt oder wer auch nur länger als fünf Minuten mit mir geredet hat, weiss, dass ich seit Jahren versuche den Einstieg in meinen Beruf zu finden. Durch das ungeplante K1 ist da einiges aus dem Ruder gelaufen. Es wurde mit K2 dazu nicht einfacher, aber trotzdem habe ich mit zwei Kleinkindern nebendran  mein Staatsexamen fertig gemacht.

Aber weder der anschließende Fachanwaltskurs noch ein kurzer Job reichten zusammen mit meinem weiteren Lebenslauf aus um einen Arbeitgeber von mir ausreichend zu überzeugen. Kinder und wenig Berufserfahrung sind halt doch ein Risikofaktor. Vielleicht habe ich auch die falschen Stellen angeschrieben oder meine Texte falsch formuliert. Man weiß es nicht.

Die Situation war, um es knapp zu sagen, nicht zufriedenstellend. Ich habe versucht, über diverse Institutionen Hilfe zu bekommen, doch das Angebot für Menschen mit akademischer Ausbildung ist rar oder auf wissenschaftliche Mitarbeiter bzw. Doktoranden beschränkt. (Dazu könnte ich glatt einen Roman schreiben) Andere Hilfsangebote, die ich (frühzeitig) in Anspruch nahm, waren eher auf Menschen mit Ausbildungsberufen zugeschnitten. Das Arbeitsamt glänzte zumeist mit ratlosem Schulterzucken.

Ich beschloß dann, dass ich genauso gut erst noch ein Kind bekommen kann, denn ich sagte immer, eher bekomme ich mit 45 noch einen Job als ein drittes Kind. Gut ich bekam, dann mit knapp 42 und mit 44 noch ein weiteres Kind, aber das ist eine andere Geschichte. Funfact am Rande, als ich kurz vor der Geburt von K3 war sollte ich über eine Personalvermittlung zu einem Vorstellungsgespräch, die mich aber leider nicht mit dickem Bauch schicken wollten, obwohl der Arbeitgeber meinen Lebenslauf gut fand. Und als K4 7 Wochen war, hatte ich ein recht gutes Vorstellungsgespräch, im Endeffekt bekam ich die Stelle dann aber nicht.

Immer wieder bekam ich den Ratschlag etwas anderes als meinen Ausbildungsberuf zu versuchen, mich selbständig zu machen, aufzugeben, ehrenamtlich zu arbeiten und was auch immer. Ich glaubte in den Augen meiner Gesprächspartner immer wieder Empathie zu lesen, aber auch leises Kopfschütteln, dass ich stur darauf beharrte, das machen zu wollen, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte. Und auch den verkniffenen Hinweis, dass es nach der langen Zeit doch keinen Zweck mehr habe.

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Tja, vor zwei Wochen las ich eine Ausschreibung die sich an Juristen richtete, als Alternativberuf aber die ReNo angab. Ein Telefonat weiter, wusste ich es handelt sich um einen Hybrid. Gesucht war eine Assistenz mit juristischen Kenntnissen. Kurz nach dem Abschicken der Bewerbung bekam ich einen Anruf. Es folgten ein Vorstellungsgespräch, weitere Telefonate, ein weiteres Treffen, einige Emails, noch mal Telefonate und heute unterschrieb ich meinen ersten Anstellungsvertrag, fast in meinem Beruf. (Und die Zusage kam gerade noch mit 45 ;)) Eine Chance, eine Herausforderung und auf alle Fälle spannend. Unterschrieben hab ich mit meinem Füller, den ich mir nach Bestehen des zweiten Staatsexamens habe schenken lassen, auch um damit einen künftigen Vertrag zu unterzeichnen.

Ich kann nicht ansatzweise in Worte fassen, was das für mich bedeutet.

Mama warum arbeitest Du nicht? – Gespräche mit K3

Grad im Bett, vorgelesen, gesungen, gekuschelt. K3 ganz eng an mich geschmiegt fragt:

„Mama warum arbeitest Du nicht, K4 und ich sind doch in der Kita?“

Ich: „Weil mich niemand einstellen will, das ist schwierig“

K3: „Du kannst doch bei uns in der KiTa arbeiten“

Ich: „Nee ich habe etwas anderes gelernt, in der KiTa kann ich nicht arbeiten“

K3: „Du kannst ja dann oben (1. Stock) bei den Logopäden arbeiten“

Ich: „Nein, das kann ich auch nicht, ich doch was ganz anderes gelernt“

K3: „Was hast Du denn gelernt“

Ich: “ Zu sagen was richtig und was falsch ist“

K3: „Dann kannst Du doch wieder da arbeiten wo Du vorher gearbeitet hast“

Ich: „Ich hab vorher nicht gearbeitet, weil K1 gekommen ist“

K3: „Kannst Du das denn noch?“

Ich: „Ja das kann ich noch, auch wenn ich mich wieder etwas einarbeiten muss“

Ich frage sie, warum es ihr denn so wichtig sei und dass z.B. die Mutter A ihrer Freundin M auch nicht arbeiten geht. Darauf bekomme ich keine Antwort aber es gibt eine Denkpause.

K3: “ Ach Mama, Du arbeitest ja doch, das hat mir A (Erzieherin) mal erklärt, Du arbeitest zu Hause, wie eine Putzfrau, so ist das dann bei der Mama von M und R auch.“

Nachschlag – Gedanken zu Müttern, Berufstätigkeit und meinem Wutposting

Überwältigt, das ist das erste was mir einfällt wenn ich an meinen Eintrag über den SpOn Beitrag denke. Überwältigt von den Zugriffen, der Veröffentlichung auf stern.de, den Rückmeldungen und den Diskussionen die darüber aufkamen. Danke. Es zeigt mir, ich bin nicht alleine mit meiner Wut, meiner Ratlosigkeit und meiner Situation.

Nach der Veröffentlichung habe ich einen Teil der Diskussionen eher passiv verfolgt, Kommentare hier gelesen und viel nachgedacht. Ich möchte nichts von dem was ich schrieb runterspielen oder entschuldigen, aber mir ist bewußt, daß ich nur sehr subjektiv für meine Situation geschrieben habe und es anderen ähnlich und doch ganz anders geht. Ich versuche mal meine Gedanken und Ergänzungen halbwegs sortiert nachzutragen.

-Wenn ich mich als hochqualifiziert bezeichne, dann möchte ich damit nicht meine akademische Ausbildung betonen (abgesehen davon, daß ich auch einen Beruf erlernt habe), sondern einfach nur klarstellen, daß ich etwas gelernt habe, was mich zu Tätigkeiten außerhalb Heim und Herd befähigt.

-Hochqualifiziert ist außerdem ein Begriff den die nette Dame für Wiedereingliederung des Arbeitsamtes verwendete als sie über mich mit mir sprach. Ein Begriff, der mich erst stutzen ließ, mir dann aber zwei Dinge bewußt machte. Zum einen, daß ich tatsächlich qualifiziert bin für einen Beruf (und somit ist es jeder mit einer Ausbildung jeglicher Art, nicht nur diejenigen die eine Universität besucht haben) oder und zum anderen, daß ich das oft vergesse, denn viele Absagen führen zu viel Zweifeln an sich.

-Hochqualifiziert meint auch nicht, daß ich es verdient habe sofort auf eine top nodge Stelle gesetzt zu werden. Meint aber doch, daß ich trotz geringer Berufserfahrung qualifiziert genug bin eine Chance zu bekommen um zu beweisen, daß ich das was ich erlernt habe anwenden kann.

-Genau wie die Autorinnen des SpOn Artikels im Grunde nur eine privilegierte Zielgruppe angesprochen haben, genauso privilegiert bin ich auch. Ich habe das Privileg, daß meine Arbeitslosigkeit das Familieneinkommen nicht nachhaltig belastet. Wir hungern nicht, wir haben ein Dach über dem Kopf, wir können uns mal was erlauben, wir sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht darauf angewiesen, daß ich auch Geld verdiene.

-Die Frauen die darauf angewiesen sind den Familienunterhalt (mit) zu verdienen stehen oft vor dem gleichen Problem und diese trifft es deswegen noch härter. Selbst wenn sie schnell nach der Kinderzeit wieder arbeiten wollen.

-Auch wenn es mich jetzt finanziell nicht besonders trifft kein eigenes Einkommen zu haben, trifft es mich spätestens im Renten- und/oder Trennungsfall. Darum kann man auch nicht sagen, es sei ein Luxusproblem der gelangweilte Hausfrau aus der Mittelschicht wenn diese keine Arbeit bekommt. Abgesehen davon kann der finanzielle Hintergrund kein Argument dafür sein ob man es „verdient“ eine Berufschance zu bekommen.

-Ich werde nicht darauf eingehen, daß es Menschen gibt, die der Ansicht sind, die Kinder leiden unter einer berufstätigen Mutter und/oder Fremdbetreuung. Nur mal so gefragt, was sollen denn dann die Mütter machen, die für das familiäre Einkommen arbeiten müssen? Keine Kinder bekommen?

-Ja es gibt die Frauen die gleich nach der Geburt oder etwas später sofort in ihren Beruf zurück gehen (können), die die Problematik nicht verstehen. Glückwunsch.

-Ja es gibt den Trend, daß jeder der eine Handarbeit halbwegs ausüben kann versucht damit Geld zu machen, in dem er die Produkte verkauft. Ob ich das gut finde? Nicht in jedem Fall. Es gibt die Frauen die das oder die Kinder als Ausweg aus dem gewählten Beruf sehen, es gibt die Frauen die gerne nur noch in Familie machen, die ihr Heim dekorieren bis es keine freie Stelle mehr gibt, die saisonal (ein)kochen, backen, konservieren, fünf Gänge Menus zaubern. Genauso gibt es die Frauen die sich so oder anders kreativ betätigen um sich zu entspannen. Es gibt die Frauen die den Beruf nur als Warteposition ansehen bis ihnen jemand die Verantwortung abnimmt selber Geld zu verdienen. Es gibt Frauen die keine Kinder wollen/haben. Es gibt Frauen die Kinder wollen und diese ganz klein zugunsten des Berufs in Betreuung geben. Es gibt dies und vieles vieles mehr. Und alle diese Alternativen sind okay, es sind die Entscheidung jeder Einzelnen was sie wie mit ihrem Leben macht, so lange sie die Entscheidung freiwillig trifft. Und die mangelnde Freiwilligkeit von weiblichen Lebenssituationen bezüglich Beruf und Familie, die prangere ich an, immer, immer noch, immer wieder.

-Und mag ich mich auch hier und dort vielleicht mal spöttisch oder mit Unverständnis über gewählte Lebensformen äußern, so steht es mir nicht zu darüber zu urteilen. Genau so wenig steht es anderen, sprich den Autorinnen des Artikels auf SpOn zu darüber zu urteilen für welchen Weg eine Frau sich entscheidet. Und diesen Respekt für die freiwillige Entscheidung den erwarte ich nicht nur von Frauen untereinander, sondern von allen Menschen. Auch wenn bei diesem Thema oft das Stichwort Frauensolidarität fiel, es geht um die generelle Akzeptanz des/der Anderen. Und genau diese Akzeptanz fand in dem besagten Artikel nicht statt.