Wo man herkommt

Am Wochende war ich mit der Kleinfamilie in der Stadt in der ich das erste mal alleine gewohnt habe, studiert habe, erwachsener geworden bin, gefeiert gelebt, geliebt und gelitten habe und an der ich immer noch irgendwie hänge.

Auf dem Bahnsteig, den ich so oft mit dem Gefühl des „nach Hause kommens“ erreicht hatte beschlich mich das Gefühl nie weg gewesen zu sein. Und irgendwas war trotzdem anders, ich fühlte mich nicht mehr als Heimkehrer.
Es tat nicht mal weh, wie in den ersten Monaten nach dem Umzug.

Mein Leben ist jetzt anderswo, wo, das weiß ich noch nicht so genau, aber ich arbeite dran und aus gegebenem Anlass, habe ich einen Text rausgesucht, der mich vor ewigen Zeiten sehr berührt hat und den ich auch heute noch wunderschön finde.

Nur den dort beschriebenen Schmerz fühle ich nicht mehr, zumindest nicht für die am Wochenende bereiste Stadt.

So war es

Wenn du durch deine eigene Stadt gehst, begegnest du
überall deiner Vergangenheit.
Die Kindheit ist eine Wunde die nie verheilt;
die Jugend ein Plakat das jemand vergeblich versucht hat,
von der Wand zu reißen.
All die Jahre, die du gelebt hast, liegen da, wie schmutzige
Spuren im Schnee hinter dir.
Du hast deine Kreidestriche auf die meisten Wände dieser
Stadt gezeichnet und keine Putzfrau der Welt hat die
Seife, die scharf genug ist, sie ganz weg zu waschen,
und das Kind das du einemal warst,
wirst du nie wieder!

Gunnar Staalesen (aus dem Krimi Gefallene Engel, wenn ich mich recht erinnere)

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4 Antworten zu “Wo man herkommt

  1. Sehr schön!

    Ich habe in vielen Städten
    Sehr schön gesagt!

    Ich habe schon in vielen Städten und Orten gelebt, selbst als Kind konnte ich nicht miterleben die ganze Schulzeit/Kindergartenzeit mit den gleichen Mitschülern/Mitbesuchern zu verbringen. Das habe ich aber nie als Nachteil empfunden! Ich konnte irgendwann nur schneller los lassen und mich darauf einstellen. Ich fühle mich da wohl, wo die Menschen sind mit denen ich meine Zeit verbringen will (oder manchmal auch muss) ? Zurück schaue ich dabei nicht. Es fehlen mir wohl die Wurzeln zu sagen ?wo man her kommt? das gibt es eben nicht bei jedem ? Ich möchte gar nicht in die Stadt ?Wo man herkommt?.

  2. Endlich mal jemand der meine Lokalpatriotismus füttert, statt auf ihm herumzutrampeln 🙂

  3. es geht mir sehr aehnlich – man steigt aus dem zug aus und ist zuhause. man schnuppert herum und stellt fest was sich veraendert hat – und erschrickt manchmal was man alles nicht mehr weiss. strassennamen zum beispiel.

    schoen wars. channelpartys sollten nur an sonnigen wochenende stattfinden.

  4. ein thema, das mich stark beschäftigt, seit mein kleiner mir ab und zu mal wieder zeit für nicht kindbezogene gedanken lässt…

    durch meinen umzug so kurz vor entbindung haben die 2 leben vor und nach dem muttersein bei mir verschieden räume. das impliziert manchmal irrigerweise die vorstellung, man könne durch wechseln des raumes eine pause vom muttersein machen…

    dennoch: in hh bin ich frei, hamburg ist nach wie vor mein persönliches tor zur welt. hier habe ich das leben erobert und fühle mich sicher. in köln erdrückt mich manchmal fast die last der selbstgewählten fremdbestimmtheit. ich lebe ich nur ein leben, aber abhängig vom raum fühlt es sich ganz unterschiedlich an.

    meine kreidestriche fehlen mir noch. und meine bebilderten vorstellungen zeigen immer noch einen raum, in dem ich nicht mehr lebe.

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